Blue Mama: The Good, The Past & The Present [CD/VÖ: 17.04.2007]

Mit dem Schwäbischen Bluestrain "Back to the Roots" - und noch eine Runde weiter

Covershot (c) Blue Mama, 2007
Covershot
© Blue Mama, 2007

Frankfurt am Main (gbip/16.06.2008) - Stefan Pürner, unserem Gastautor, verdanken wir die Hinweis auf eine höchst intessante CD: "The Good, The Past & The Present" von Blue Mama's Blue Kitchen. Das ist die Band mit dem "Janis-Joplin-Klon" Renate Braun als Sängerin, die Pürner bei einer seiner Lesungen begleitet hat. Das Album ist stark von der britischen Bluesmusik der 60-er geprägt. "Deshalb dürfte dies für die Besucher der German BEAT!-Seite von Interesse sein", so der Autor.

Alle Schwaben können kein Hochdeutsch, aber einige können dafür den Blues spielen

von Stefan Pürner

Bonn (sp/07.06.2008) - Schwaben können bekanntlich alles - außer Hochdeutsch. Deshalb darf es eigentlich nicht verwundern, daß eine der aktuell besten deutschen Bluesbands ausgerechnet aus dem Schwabenländle kommt. Die Rede ist von "Blue Mama" aus Rottweil, der Stadt, aus der vermutlich auch die gleichnamigen Hunde stammen. Was wiederum erklären würde, warum die Band ordentlichen Biss (die Band selbst nennt das "Power Blues") hat.

Kern der 2000 gegründete Band "Blue Mama", die vor kurzem mit "The Good, The Past & The Present" ihre zweite CD (eine Doppel-CD) vorgelegt haben, sind der Gitarrist Jochen "JB" Braun und die Sängerin Renate Braun. Letztere ist einer hoffentlich immer größer werdende Zahl von Musikfreunden auch unter dem Künstlername "Blue Mama" bekannt. Sie ist mit ihrer Drei-Oktaven-Stimme gleichzeitig auch das Markenzeichen der Band und würde glatt jeden "Janis-Joplin-Sound-Alike-Contest" gewinnen, überzeugt aber auch mit durchaus eigenen Akzenten.

Prominente Gastmusiker

Bei der Aufnahme der CD wurden sie von prominenten Gastmusikern unterstützt. So bediente bei einigen Nummern Thorsten "Walt" Bender das Schlagzeug. Der ist nicht nur , seit 2002 Mitglied der Band des Ruhrpottrockers Stoppok und Drummer in Harald Krüger's Rock'n'Roll-Band "Low Budget", die im unlängst mit dem Rhythm'n'Blues und Rock'n'Roll-Award als beste Deutsche Rock'n'Roll-Band ausgezeichnet wurde, sondern mit seinem Duo "The Plastics" auch Träger des Kleinkunstpreises des Landes Baden-Württemberg.

Den Bass spielt bei einigen Songs Ove Bosch, der schon bei Musicalproduktionen wie Hair, Jesus Christ Superstar und dem Abba Musical Mamma Mia mitgewirkt hatte. Außerdem begleitete er Randy Hansen, den führenden Hendrix-Interpreten. Daneben ist Bosch seit 2006 stellvertretender Chefredakteur des größten Bassmagazins Europas, dem "Bass Professor".

Coverversionen als Auftakt

Die beiden Silberlinge der Doppel-CD tragen jeweils einen eigenen Untertitel. Die erste Scheibe "The Past" enthält Coverversionen meist altbekannter Songs und einige Eigenkompositionen aus den 90-er Jahren. Die Zweite, "The Present" benannt, besteht ausschließlich aus neueren Eigenkompositionen. Die Zeitphasen im jeweiligen Titel der CDs beziehen sich auf das Entstehungsdatum der Lieder. Vom musikalischen her sind dagegen die Songs beider CDs eindeutig der Vergangenheit, insbesondere dem klassischen Bluesrock der 60-er des letzten Jahrhunderts, verpflichtet.

Bereits der Opener "Don't you want somebody to love", im Original von Jefferson (aus der seeligen Zeit, als diese nur ein Airplane waren, aber besser abgingen als hinterher als Starship) zeigt wohin in den nächsten eineinhalb Stunden mit diesen beiden Scheiben die Reise hingeht: Gradliniger, bluesiger Rock, kraftvoll, nicht nur was die Stimme angeht, wird geboten. Auch in anderer Sicht gibt dieser Song den Rahmen für das, was noch kommt, vor: Hier ist eine komplette spielfreudige und kompetente Band am Werk. Aber der Focus verengt sich schnell auf die Sängerin. Nicht viel anderes war das bei den Doors. von denen der "Roadhouse Blues", der zweite Song auf dieser CD, stammt. Dieser, eigentlich sehr maskuline Song wird hier von einer Frau gesungen. Was dem Lied aber keinen Abbruch tut. Bei "Manic Depression" hängt die Scheibe dann kurzzeitig durch. Aber das liegt vermutlich daran, daß das Lied schon in der Originalversion von Jimy Hendrix nicht unbedingt eine Offenbarung an Originalität war. Versöhnt wird man dann wieder durch die nächsten beiden Coverversionen: das hypnotisierende White Rabbit, das im Original wiederum von Jefferson Airplane stammt, und die bluesige Donovan-Komposition "Seasons of the Witch. Daß Renate Braun Songs so unterschiedlicher Sänger wie Jimy Morrsion und Donovan glaubhaft in ihrer eigenen Weise interpretieren kann, ist ein weiterer Beweise für ihre Vielseitigkeit. Und dafür, daß man ihr Unrecht tut, wenn man sie auf den Janis Joplin-Vergleich reduziert.

©Blue Mama: Auftritt im Musikhaus Rudert in Freudenstadt am 28.10.2007

Solide und abwechslungsreiche Eigenkompositionen

Die einleitenden Coverversionen sind wohl auch als Hinweis auf die eigene musikalischen Ursprünge gedacht. Gleichzeitig dienen sie als Anheizer für die vielen Eigenkompositionen.

Den Auftakt mach hier "Fam'ly Man". Dies ist der einzige Song des Albums, der wohl eher das Etikett "Pop" verdienen würde. Was kein abwertendes Urteil sein soll. Die Nummer kommt zwar in naiver Fröhlichkeit daher, überzeugt aber dann doch durch verzahnten Gesang und intelligenter Instrumentierung. Der Text besingt das heile Familienleben und hat damit etwas von dem missionarischen Eifer von der Byrds Country-Rock-Nummer "I like the Christian life". Es ist eben schon eine Weile her, seit man in Musikerkreisen es eher mit Stphen Stills und seinem "If you can't be with the one you love, love the one you are with" hielt. O tempora, o mores! Wer hätte das gedacht, damals während der wilden 70-er, daß Zeiten kommen würden, in denen sich Musikerdasein und Monogamie nicht mehr auszuschließen werden.

Mit leicht orientalischen Anklängen und groovig geht es weiter: "Clean my house" dreht sich jedoch vermutlich nicht um den Frühjahresputz in den eigenen vier Wänden, sondern um die Neuausrichtung des eigenen Lebens. Diese Nummer ist absolut tanzbar und der Refrain setzt sich schnell Hirn fest. Dieser Song hätte vor zwei Jahrzehnten durchaus in der Disco laufen können. Und auch heute noch dürfte beim Ü-40-Tanz für eine wohl gefüllte Tanzfläche sorgen. Dort würde sich auch "Respect" gut machen, eine sich stetig entwickelnde Nummer. Wie andere Original Blue Mama - Songs hat auch dieses Lied einen dieser idealistischen Texte, wie sie im vor-vorletzten Jahrzehnt Zeitgeist waren. Der Verdacht, daß irgendeiner der Beteiligten Englisch-Leistungskurs hatte, bei einem dieser allzeit betroffenen Lehrer, von der Art, wie sie heute nicht mehr bauen, liegt da nahe. Hier ist der alte Glaube noch lebendig, daß Musik die Welt verändern oder zumindest belehren kann.

Weniger inhaltsschwanger kommt das Instrumental "Freedom Fighter" daher. Hier trifft Hendrix light auf abgespeckte Allmann Brothers. Der ideale Stoff, wenn man die für die Bergetappe bei der abendlichen Fahrradrunde psychisch-akkustische Unterstützung benötigt. Sogar an die kreislauftechnisch dringend zu empfehlende Relaxphase nach zweieinhalb Minuten hat man gedacht. Nie war es einfacher, den Anhöhen des Siebengebirges mit dem Zweirad die Stirn zu bieten als mit diesem Musikstück im Ohr.

Ebenfalls tauglich als Gehirndoping beim Radfahren ist "Magic Mushroom". Hier scheint ein leichtfüssiges Banjo über allerlei kurvigen Präriepfaden auf einem wackeligen Eselskarren daher zu kommen scheint. Es scheint sich bei den beschrieben Pilzen also eher um eine leichte Art zu handeln.

Wesentlich schwerer verdaulich ist da das nachfolgende "Whimper". Dieses scheint als Fortsetzung des Vorgängerstücks die negativen Folgen des Genusses magischer Pilze und sonstiger Rauschmittel zu beschreiben. Wagneranisch schwer und unheilsträchtig strebt ein überlanger Instrumentalteil einem unbekannten Ziel zu. Als dann Renata Brauns' Stimme endlich dazu kommt, erinnert sie eher an Yoko Ono oder Nina Hagen. Wie soll man sagen ? So was hört man bestimmt nicht als Aufwachmusik.

Von Planeten, Mercedes-Limousinen und toten Bluesmusikern

Die zweite Scheibe, "The Present" betitelt, enthält ausschließlich Eigenkompositionen. Während diejenigen auf der ersten Scheibe ausschließlich bereits in den 90-er Jahren geschrieben wurden, haben diese hier überwiegend erst in den letzten Jahren das Licht der Welt erblickt.

Dennoch stehen auch sie zwischen "past und present". Dies beweist das Eingangslied "Beautiful Planet", eine fetzige Rocknummer mit genug Platz für den einen oder anderen Alleingang der Gitarre. Dieses Lied gehört dem mittlerweile fast schon vergessenen Genre des Protestlieds an. Das Thema des Songs ist dagegen hochaktuell. Es geht nämlich um die Klimaerwärmung. Und weil das ein wichtiges Thema ist und das Lied, dem Thema zum Trotz, frisch und gar nicht ausgelaugt daher kommt, verzeiht man auch auch die doch etwas antiquitere Schwarz-Weiß-Sichtweise, bei der wiedereinmal die Politiker und die "white colar bastards" schuld an allem Übel sind.

"I don't want no (Mercedes Benz)" nimmt den Janis Joplin Vergleich, der die Sängerin Renate Braun verfolgt, auf. Inhaltlich wird jedoch eine Gegenposition zum eher materialistischen Mercedes-Benz-Song von Joplin aufgebaut. Auch musikalisch setzt dieses Stück anders an. Geboten wird hier ein swingender Bluesrock song mit voller Bandbegleitung statt (fast) a capella Stimmakrobatik.

Vorbildern wird auch mit dem Song "Blues for Long John" Tribut gezollt. Gemeint ist John Baldry, der verstorbene Sänger von Alexis Korners' Band Blues Incorporated. Auch dieser Song wird wieder mit stetigen Bass und quirliger Mundharmonika vorangetrieben, Fast ein wenig zu fröhlich für ein Trauerlied. Aber das würde man in New Orleans vermutlich völlig anders sehen. Noch tiefer in die Blueskiste (und noch fester in die Saiten) wird bei "Five past seven" gegriffen: Hier wird das Hohe Lied der Liebe mit der sechssaitigen Geliebten gesungen. Gleichzeitig wird diese mit gefühlvollem Fingerspiel dazu animiert, in den allerhöchsten Tönen zu jubilieren. Das absolute Highlight des Stücks ist jedoch der Gesang von Renate Braun, der hier dominant und kernig wie dereinst der von Jimy Morrison an seien guten Tagen daherkommt. "Widows Lane" behandelt mit der Einsamkeit der Frau, die alleine zurück bliebt, wieder ein typisches Bluesthema. Dies in englischer Sprache, aber in doch deutscher Erzählmanier. Vielleicht ist der Text doch etwas vollgestopft mit Informationen und die Strophen einfach zu lange für einen Bluessong ? Glücklicherweise sind die musikalischen Zutaten vom Feinsten. Kurze, knackige Gitarrenriff, gelegentliche genüßlich Soloeinlage, ein stetiger Bass mit leicht angedeutetem Hüftschwung ergeben zusammen mit einem Schlagzeug, das mit deutlich vernehmlichen Schritten den Weg weist, und fetzigem Gesang ein deftiges Bluesgericht mit leichter Mundharmonikanote.

Den Ausklang bildet ein Instrumentalstück namens "Basement Jam", das auch als "Dave Brubeck meest Dickey Betts" durchgehen würde. Hier wettet man ohne großes Risiko einen Kasten Weizenbier darauf, daß "Jessica" bei den Beteiligten nicht nur einen Ehrenplatz im Plattenschrank hat, sondern auch schon unheimlich viele Kratzer vom dauernden Abspielen.

Das Stück macht nochmals Lust auf mehr. Aber wie sagte meine Oma immer: "Wenn es am schönsten ist, muß man aufhören". Außerdem haben "Blue Mama", fleißig, wie sie sind die Schwaben, zwei CDs randvoll mit abwechslungsreichem Material vollgespielt. Da muß man ihnen den Feierabend wohl können.

Fazit

Wer auf Grupppen und Musiker wie des britischen Blues Rock oder Jimy Hendrix steht, wird an dieser Scheibe ebenso Freude haben wie Liebhaber von Janis Joplin. Von Heavy Blues Rock über Psychedilisches und traditionell Folkiges ist hier einiges geboten.

Erfreulich auch, daß jemand noch ein Doppelalbum aufnimmt. In Zeiten, in denen Musik für viele nur mehr eine Ansammlung von "mp3-Download" genannten homöopatisch kleinen Einzeldosen, ist dies engagiert und mutig. Und ist ein Beleg dafür, daß es gar nicht so schlecht ist, in der einen oder anderen Hinsicht "ein bißchen von gestern" zu sein. Die Platte ruft förmlich danach, Handy und PC auszuschalten, das alte Stövchen wieder hervorzukramen und eine genüßliche Teeparty zu feiern .

Außerdem macht sie Lust darauf, Blue Mama live zu hören. Wenn sich einem diese Chance bietet, sollte man sie sich nicht entgehen lassen Auch was ihre Konzerte angeht, sind Blue Mama nämlich Traditionalisten. Bei ihnen gilt nämlich noch, daß man live selbstverständlich noch einiges besser sein muß als auf Tonträger. Bei vielen heute agierenden "Künstler" ist das eher umgekehrt.

Weitere Quellen zu Blue Mama

Weitere Infos zu "Blue Mama" gibt es unter www.bluemama.de und www.bizarre-basement.de. ("Bizarre Basement" ist der Name eines Tonstudios, Freunde anderer bizarrer Aktivitäten werden auf der angegeben Homepage nicht fündig werden.) Außerdem kann man die Songs der CD unter MySpace anhören und downloaden. Schließlich gibt es von dort auch Links zu Videos mit Konzertausschnitten von Blue Mama.

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