German BEAT! DAS Portal rund um Beatles und Beat

Brüderlichkeit, Einheit und "Goldene Akkorde"

Frankfurt/Main (gbip/12.05.2006) - Kommende Woche findet wieder der European Songcontest statt. Für viele "westliche" Zuschauer eine der wenigen Gelegenheiten mit "östlicher" populärer Musik Tuchfühlung aufzunehmen. Interessant sind dabei die Künstler aus den Balkanstaaten. Auf der anderen Seite bringen sehr viele jugendliche Migranten aus dieser Region diese Musik auf die hiesigen Abspielgeräte. Gerade die südslawischen und balkanischen Ethnoelemente sind dabei das ganz Spezielle an der nach wie vor als Jugorock (YU-Rock) bezeichneten Stilrichtung.

Eine musikalische Landkarte des ehemaligen Jugoslawiens. Rückseite des T-Shirts zum 'Live for Life Festial in Sarajevo' aus der Sammlung von Stefan Pürner
Eine musikalische Landkarte des ehemaligen Jugoslawiens.
Rückseite des T-Shirts zum "Live for Life Festial in Sarajevo"
aus der Sammlung von Stefan Pürner

German BEAT! präsentiert exklusiv das umfangreichere Essay über die Beatmusik vom Balkan von Stefan Pürner. Der Rechtsanwalt, Autor und Jugoslawienexperte versteht es ausgezeichnet, uns diese Region - mal aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus betrachtet - näherzubringen. German BEAT!-Herausgeber Sven freut sich: "Pürners Artikel macht 'Appetit' auf YU-Rock."

Beat in Titos Jugoslawien
von Stefan Pürner

Beat ist eigentlich eine europäische Musik

Beat hat seine Wurzeln vor allem in Großbritannien. Genau besehen stellte die britische Invasion wohl das erste Mal dar, daß ein Trend der Rock- und Popmusik von Europa nach Amerika (und nicht umgekehrt) wanderte. Beat fand jedoch nicht nur im anglo-amerikanischen Raum statt, sondern in allen Teilen Europas. Vielleicht waren es gerade die "europäischen Wurzeln", die die Verbreitung des Beats im europäischen Raum begünstigten.

Deshalb scheint es interessant, einmal einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen. Und zu schauen, in welchen anderen Teilen Europas noch Beat gemacht wurde.

Besonders interessant sind hier die Ländern, von deren Musikszene man nur wenig weiß. Nicht selten liegt das nämlich nur an Staats- und Sprachgrenzen. Aber nicht daran, daß es anderswo nichts zu entdecken gäbe. Ein Beleg hierfür ist die bunte Beatszene, die sich im ehemaligen Jugoslawien zu Titos Zeiten entwickelt hatte.

Beat als erster Schritt auf einem langen Weg

Beat ist, zusammen mit dem Rock'n'Roll, der Beginn einer internationalen eigenständigen Jugendkultur, die sich durch Musik ausdrückt, aber die weit über die Musik hinausgeht. Beat ist auch eine erste Wegstrecke auf einer langen Straße zu einer immer bunter werdenden Musikszene. Das gilt auch für Jugoslawien.

Auch dort war Beat der erste Schritt auf einem langen Weg. Was wenige wissen: An dessen Ende stand in Jugoslawien eine der buntesten Musikszenen Europas. (Die leider mit dem Land unterging.) Neben internationalen Trends, die schnell ihren Weg nach Jugoslawien fanden, gab es dort auch vieles Eigenständiges. Aber dazu später.

Erste Anfänge: ein Elvis aus Belgrad und ein falscher Matt, der für einen echten Kaiser singt

Beat war anfangs ausschließlich Jugendkultur. Und Alternativkultur.

Anders als heute hatten die Alternativkulturen früher aber keine eigenen Medien. Deshalb kann man zumindest als Nachgeborener, die ersten Anfänge der Beats in Jugoslawien heute nur mittelbar nachvollziehen.

Alle die sich mit dem Thema beschäftigen, sind sich jedoch offensichtlich einig, daß Beat (und vor ihm der Rock'n'Roll) sofort nach seiner Entstehung auch in Jugoslawien Anhänger gefunden hat. Auf einer (allerdings nicht sehr umfangreichen) Homepage, die dem Thema gewidmet ist, heißt es dazu: "Rock'n'Roll was in late 50's already in Ex Yugoslavia.... Ex-Yugolsavia was socialist country. But as far as I know, rock'n'roll was always part of the youth culture there" (Link wird nachgereicht).

Etwas verschrobener, aber differenzierter (und wohl auch richtiger) liest sich das in einem, Mitte der 80-er Jahre erschienenen Sammelband über Subkulturen in Jugoslawien (Ljuba Trifunovic Potkulture u Jugoslaviji na razmedi kontrakulture i kulture -zu deutsch: Subkulturen in Jugoslawien zwischen Gegenkultur und Kultur, in "Potkulture 2", Belgrad, 1986 ). Sozialistisch-soziologisch verquast heißt es da: "Die Jugendpopkultur wurde noch in der zweiten Hälfte der 50-er Jahre, also zu einer Zeit als das bürgerliche Modell der Kultur noch immer das einzig Anerkannte war, importiert. Sie wurde aus dem Kontext ihres Ursprungs (der die Teenagerfront im Ganzen, unabhängig vom sozialen Status, umfaßte) herausgenommen und in relative kleine, studentische Kreise umgepflanzt."

Mit anderen Worten: Während Rock'n'Roll und Beat in westlichen Ländern ein allgemeines Phänomen war, das aber insbesondere auch in der Arbeiterklasse stattfand, waren sie in Jugoslawien zuerst eine Erscheinung ausschließlich unter Studenten. Und die stammten zu dieser Zeit, Sozialismus hin, Sozialismus her, auch in Jugoslawien vornehmlich aus bürgerlichen Familien.

Aus der Vorbeat-Ära zu nennen sind vor allem der bereits 1930 geborene "Belgrader Elvis" Milan Lojpur, und Karlo Metikos, der es 1961 unter dem Namen Matt Collins in Frankreich zu Ruhm und Plattenaufnahmen gebracht hat. Collins soll u. a. auch vor dem Schah und Kaiser Haileselasi aufgetreten sein. (Apropos "Haileselasi": Diesem hat ein anderer jugoslawischer Elvis, nämlich Elvis J. Kurtovic, ein Musiker der zur Sarajevoer Strömung der "Neuen Primitiven" gehört, Jahre später ein Lied gewidmet.)

Atome und weiße Pfeile

Wer aber waren die ersten Beatbands in Jugoslawien ?

Wer als erstes Beat gespielt hat, liegt im Dunklen der Zeit. Wer jedoch die erste Beatplatte in Jugoslawien aufgenommen hat, ist bekannt. Es waren die "Bijele Strijele" ("Die weißen Pfeile"). Diese Gruppe wurde 1961 gegründet. Anfangs spielte man Coverversionen von Cliff Richard und den "Shadows" (den Namen werden sie noch öfters lesen in diesem Beitrag!) sowie den "Beatles". Später begannen sie, ihre eigenen Songs zu schreiben. Das erste Mal zusammen gespielt haben die "Weißen Pfeile" übrigens bei einer "Arbeitsaktion" (für Wessies: kollektiver, meist nur theoretisch freiwilliger kollektiver Arbeitseinsatz von Schülern und Studenten während der Semesterferien).

Auf ihrer ersten Single nahmen sie 1963 bei der Plattenfirma "Jugoton" zwei Songs aus fremder Feder auf. Nämlich "Svi trece oko Sue" (zu deutsch "Alle rennen Sue hinterher") und "Rastanak" (zu deutsch: "Der Abschied"). Bei dem ersten Lied ist das Original schon anhand des Titels leicht zu erraten: Es ist "Runnaround Sue". Hinter "Rasatank" verbirgt sich dagegen "Sealed with a kiss". Den Anfang machten also auch hier Coverversionen. Im Unterschied zu Deutschland (wo es zwar auch "Eindeutschungen" gab, meistens aber Englisch gesungen wurde) wurden diese aber meist in der eigenen Sprache gesungen.

Englisch Gesungenes sollten im Jugobeat und Jugorock die Ausnahme bleiben. Und wenn es so etwas doch gab, dann war es meist für den ausländischen Markt aufgenommen. Wobei auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. So den in Englisch gesungenen Gastbeitrag von Eddy Grant, Sänger der "Equals" ("Baby come back") auf dem Lied "Amsterdam" der Belgrader Band "Riblja Corba" ("Fischsuppe").

Zagreb und Belgrad als Beatzentren

In den 70-ern, als die Musikszene immer bunter wurde, sollte Sarajevo, die multikulturelle Hauptstadt der Teilrepublik Bosnien und Herzegowina zur unbestrittenen Musikhauptstadt Jugoslawiens aufsteigen. Was den Beat angeht, so scheint (ähnlich wie beim Jazz) in der Anfangszeit das kroatische Zagreb das Zentrum gewesen zu sein, zu dem sich bald in Belgrad ein zweiter Schwerpunkt entwickelte.

Die Zagreber Beat Szene

Aus Zagreb kamen zum Beispiel die bereits erwähnten "Atomi" ("Atome"). Diese (wie viele) stark von den "Shadows" beeinflußte Instrumentalband gründete sich 1961 und bestand bis 1964. Neben ihrer instrumentalen Arbeit begleitete die Gruppe auch das Vokalquartett "Problem" (Übersetzung wohl überflüssig) auf einer EP, die neben zwei Twistnummern auch einen Song namens "Jurij Gagarin" enthielt. Dies ist wohl ein Beleg dafür, daß man in Jugoslawien trotz der für ein sozialistisches Land relativ großen Offenheit gegenüber dem Westen auch in die Sowjetunion schaute.

Bei den nächsten beiden Bands aus den frühen 60-ern ist die Sache etwas schwieriger zu erklären. Beide gründeten sich 1963 und beide hießen "Delfini". Die eine kam wiederum aus Zagreb, während die zweite Band aus Split kam. Die Spliter "Delphine" machten unter anderem auf dem dortigen Musikfestival 1967 mit dem Beitrag "Beat na moru" (Beat am Meer") auf sich aufmerksam. Den Zagreber Delphinen dagegen gelang es unter dem Namen "The Delfines" 1967 in Belgien eine Version von "Gloria" auf Single herauszubringen.

"Doppelte" Bands, ein jugoslawisches Phänomen

Wenn bereits die Rede von "doppelten Delphinen" und von Plattenaufnahmen im Ausland unter der englischen Übersetzung des eigenen Namens die Rede ist: Ein und der selbe Bandname, der parallel von zwei Gruppen genutzt wird und Auftritte im Ausland unter einem zweitem, englischen Namen sollte es in der Geschichte des Jugorocks nochmals geben.

Die Hardrockband "Atomsko Skloniste" veröffentlichte unter dem Namen "Atomic Shelter" 1986 ein Album, das "This Space Ship" betitelt ist und englische gesungene Versionen aus dem eigenen Reportoire enthielt.

Und in den 90-er Jahren gab es sowohl in Sarajevo als auch in Belgrad eine Band namens "Zabranjeno Pusenje" ("Rauchen verboten"). Dies hatte jedoch traurige Ursachen. "Zabranjeno Pusenje", die Hauptgruppe der sogenannten "Neuen Primitiven", waren ursprünglich eine einzige Band aus Sarajevo. Während des Kriegs blieb ein Teil der Mitglieder im eingekesselten Sarajevo (später ging dieser Teil nach Zagreb). Die serbischen Mitglieder gingen dagegen nach Belgrad ins Exil und machten dort ebenfalls unter dem selben Namen weiter.

Weitere Zagreber Beatbands

Einer der "Platzhirschen" der Zagreber Szene der 60-er waren die "Grupa 220". Diese war eigentlich ein relativer Spätzünder, da sie erst 1966 aus der Taufe gehoben wurde. Dennoch sind gerade mit dieser Gruppe einige Meilensteine des Jugobeat verbunden.

Deutlich erkennbar die Anlehnung an die 'Rolling Stones', Fanseite der Band 'Prljavo Kazaliste'
Deutlich erkennbar die Anlehnung an die 'Rolling
Stones', Fanseite der Band "Prljavo Kazaliste":
http://free-zg.htnet.hr/prljavokazaliste/

Ihre Single "Osmjieh" ("Lächeln") war die erste Eigenkomposition einer jugoslawischen Band, die es auf Platte schaffte. Covern war out, man wollte die Lieder, die man spielte, selbst schreiben. (Die "Beatles" lassen grüßen.) Und sie waren die erste Band, die nicht nur Singles veröffentlichten, sondern eine ganze LP. Dies allerdings erst 1968. Woran man sieht, daß in Jugoslawien Beat und verwandte Musiken noch lange ausschließlich die Sache einzelner Lieder und von Singles war, als anderweitig die LP schon für viele das Maß aller Dinge geworden war.

An weiteren Zagreber Beatbands sind beispielsweise noch zu nennen:

Die "Bezimeni" ("Die Namenlosen"), die bereits 1960 auftraten, allerdings nie die Gelegenheit hatten, eine Platte aufzunehmen. Nach ihre Auflösung 1964 wechselten einzelne Mitglieder zu den "Weißen Pfeilen" bzw. zu den (Zagreber) "Delfini". Außerdem gab es zum Beispiel die "Biseri" ("Perlen"), die sich erst 1967, als der Beat schon langsam von anderen Stilrichtungen abgelöst wurde, gründeten.

Belgrader Gruppen

Auch in Belgrad gab es natürlich Beatbands. Unter anderem die "Crni Biseri" ("Schwarzen Perlen") - nicht zu verwechseln mit den Zagreber "Biseri"("Die Perlen"). Auch diese Gruppe war von den "Shadows" beeinflußt. Dies ging soweit, daß Bassist seinen Spitznamen "Jet" deshalb bekam, weil der Bassist der Shadows denselben Vornamen hat. Die Gruppe entwickelte sich jedoch mehr in Richtung Rhythm & Blues. 1966 gründeten sich die "Dzentlemeni" ("Die Gentlemen"), deren Markenzeichen mehrstimmiger Gesang war. Neben Eigenkompositionen hatten sie Songs der "Searchers" im Repertoire, die sie auch als Singles veröffentlichten.

Zu den wahren Dinosauriern des Belgrader Beats gehören "Iskre" ("Die Flammen"), die bereits 1961 eine der ersten "elektrifizierten" Band waren. Diese Band spielte Instrumentalmusik. Anders als viele andere orientierten sie sich jedoch nicht an den "Shadows", sondern den "Tornados". "Die Flammen" ist sicher ein geiler Bandname. Die Gründe für seine Wahl sind angeblich prosaischer als man vielleicht denkt. Die Band spielte nämlich anfangs über eine Kinolautsprecheranlage. Und die war von der slowenischen Firma "Iskra".

Die "Korni Grupa"

Die vermutlich bedeutendste Belgrader Band aus der Beataera dürfte jedoch die "Korni Grupa" gewesen sein. Diese wurde vom Keyboarder Kornelij Kovac gegründet, der vorher bei den gleich noch vorzustellenden "Indexi" aus Sarajevo gespielt hatte, dann aber nach Belgrad umzog. Über eine Radiotalentshow, von der er es damals offensichtlich mehr gab (ohne daß man gleich versprach, den Superstar zu suchen) wurde die "Korni Grupa" bekannt.

Nach einigen Mißgriffen bezüglich der Sängerinnen hatten sie 1974 auch die Chance, international bekannt zu werden. Sie vertraten nämlich Jugoslawien bei dem Eurovisions Song Wettbewerb. Allerdings machten nur den zwölften Platz. Sieger wurde, mit "Waterloo", die Gruppe "ABBA". Keine Chance also für die Belgrader Beat Boys also. Andererseits: "Viel Feind viel Ehr".

Die "Korni Grupa" nahm auch Platten im Ausland auf. "Not a ordinary life" ist der Titel eines symphonischen Rockalbums, das sie 1973 in Italien unter dem Namen "The Cornelians" herausbrachten.

Ein sorgsam gehütetes Exemplar dieser LP ziert heute die Sammlung eines Deutschen, der gerade einmal 13 Jahre war, als diese Platte aufgenommen. Damals hätte er Jugoslawien wohl irgendwo hinter Rußland, kurz vor China, vermutetet. Aber er hatte eben andere Interessen zu dieser Zeit. Er hatte in diesem Jahr nämlich das "Rote Album" der Beatles schenken lassen. Deshalb war er gerade dabei zu entdecken, was es außer "Yellow Submarine" darauf noch an wesentlich interessanteren Dinge gab. Bis er den Jugobeat entdeckte, sollte noch etwas mehr als ein Jahrzehnt vergehen.

Auch in Jugoslawien gab es periodische Wiederauferstehungen von legendären Gruppen aus der Vergangenheit. So trat 1987 trat die "Korni Grupa" zusammen mit anderen Legenden des Jugorock noch einmal auf. Einen Auszug davon gibt es auf der LP "YU Rok legende". Eine ähnliche, seltene Gelegenheit zum Wiedersehen mit Gruppen aus der Vergangenheit bot sich im Oktober 2000 in Sarajevo: Dort traten unter dem Motto "Live for Live -What music creates let no mine destroy" zahlreiche Bands aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens auf (darunter auch "Indexi") auf um Geld für die Minenbeseitigung in Bosnien und Herzegowina zusammenzubringen. Vermutlich war dies nicht nur eine seltene Gelegenheit, so viele Gruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien auf einer Veranstaltung zusehen, sondern sogar das letzte gesamt-jugoslawische Festival überhaupt. Daß dies in Sarajevo stattfand ist sicher kein Zufall. Es belegt vielmehr die Bedeutung, die diese Stadt für die jugoslawische Musikszene hatte.

Sarajevo: Qualität statt Quantität

Sarajevo, das am Ende des Jahrhunderts für seine Vielfalt später so tragisch büßen mußte, durch Menschen, denen nicht nach Vielfalt zumute war, sollte ab den 60-ern zu dem Zentrum der jugoslawischen Rock- und Popmusik werden. Aus der Beatarea sind dagegen heute nur wenige Gruppen aus Sarajeo bekannt. Dennoch gründete sich dort eine der wichtigsten Gruppen. Nicht nur für die Beatmu-sik, sondern für die weitere Entwicklung des Jugorocks allgemein.

Davon, daß Beat in Jugoslawien vor allem Studentensache war, war schon die Rede. Bestätigt wird das auch durch den Namen einer der einflußreichsten Bands des inzwischen untergegangenen Landes. "Indexi" hieß diese Band. Und das heißt "Die Studienbücher". Grund für die Wahl dieses Namens: Alle Mitglieder studierten, als sie die Band gründeten.

Das klingt jetzt alles nicht unbedingt sehr vielversprechend. Die Dinge entwickelten sich jedoch mehr als positiv.

Studienbücher mit Beat und Sound

Die Band gründete sich 1962 und bestand, mit Unterbrechungen, bis in die 90er Jahre hinein. Dazwischen lag ein langer Weg.

Er führte von Instrumentalmusik über die Erweiterung um einen Sänger (den vor einigen Jahren verstorbenen, legendären Davor Popov) hin zur Teilnahme an der nationalen Eurovisionsausscheidung und musikalischen Experimenten mit Orgel- und Gitarren dominierten Instrumentalpassagen. Weiter ging der Weg über Ethnoexperimente mit Saz und Guzla, lange bevor man im Westen wußte, was Ethnopop sein können würde. Dann gab es auch noch textlich ambitionierte Alben, bei denen Ge-dichte von Mak Dizdar die Worte lieferten. Während des Kriegs Anfang der 90-er gab es dann auch die Flucht eines Teils der Gruppenmitglieder aus dem belagerten Sarajevo und die Verwundung anderer, die dort geblieben waren. Da vergißt man fast, daß sie u. a. 1967 "Nowhere Man" gecovert und auf der Rückseite einer Single auch auf Platte veröffentlicht haben.

Ihre Lieder, gerade aus den 60-ern werden auch heute noch gecovert. Und - wichtiger noch - auch gesungen, wenn weit und breit kein Stromanschluß zu finden ist. Sie gehören also zu den wahren Standards des Jugorocks. Übrigens trotz des Krieges heute noch in allen Landesteilen.

Nicht nur Platten kommen über die Grenze

In anderen sozialistischen Staaten kamen (zumindest bis "Glasnost" und "Perestrojka") lediglich die Schallplatten aus dem Ausland an, nicht aber die Musiker. In Jugoslawien war das anders. Ab und zu konnten dort nämlich auch ausländische Gruppen auftreten.

Es gibt Stimmen (Link wird nachgereicht), die behaupten, die "Rocking Vickers" seien 1965 oder 1966 die erste westliche Gruppe auf Tournee in Jugoslawien gewesen. Das dürfte jedoch so nicht stimmen. Andere Quellen berichten nämlich von früheren Tourneen ausländischer Gruppen. Und die waren noch dazu prominenter als die "Rocking Vickers". Schon 1964 traten auf dem Spliter Festival nämlich - bitte raten, ja genau:- die Shadows auf. (Nach dem Konzert sollen sie in einem Spliter Club mit den "Crveni Koralj" gejammt haben.) Ebenfalls im selben Jahr in Jugosalwien auf Tournee gesichtet: Die "Searchers". Und das Jahr danach waren die "Hollies" da.

Bei den Konzerten der "Searchers" und der "Hollies" spielten übrigens die "Elipse" ("Elypsen") als Vorgruppe. Eine Band, die in den Medien gerne als Rivalen der "Siluete" (Solhoutetten") dargestellt wurde. Ähnliches kennt man von der angeblichen Rivalität der "Beatles" und der "Rolling Stones". Es gleichen sich also nicht nur die Bilder und Töne, sondern auch die Vermarktungsstrategien.

Er traf angeblich 'Lemmy': Tito (Gipsbüste aus der Sammlung von Stefan Pürner)
Er traf angeblich "Lemmy": Tito
(Gipsbüste aus der Sammlung
von Stefan Pürner)

Zurück zu den "Rocking Vickers". Der Name mag vielen nichts sagen. Einer der Musiker dieser Gruppe ist jedoch noch heue fett im Geschäft: Lemmy, der heute bei Motörhead den wilden Mann spielt. Angeblich hat die Band bei der Tournee auch Tito persönlich getroffen. "Lemmy meets Tito". Wenn das wahr ist, dann bewahrheitet sich wieder einmal, daß Jugoslawien kein typisches sozialistisches Land war.

Treppenwitz der Geschichte: "Motörhead" waren auch eine der letzten ausländischen Bands, die in Jugoslawien tourten, bevor der Krieg dort ausbrach und das Land aufhörte in seiner früheren Form zu bestehen.

Der endlose Schatten der "Shadows"

Die einflußreichste ausländische Gruppe, selbstverständlich neben Übergrößen wie den "Beatles" und "Rolling Stones" waren jedoch die "Shadows".

Liest man die Enzyklopädie von Janjatovic (vgl. unten bei den Literaturhinweisen) so gehen einem die ständigen Verweise auf die "Shadows" ehrlich gesagt irgendwann auf den Geist und man hält sie für übertrieben. Hört man sich dann jedoch die in Kroatien erschienene 6er-CD-Box "Kada je rock bio mlad" (Als der Rock jung war") an, dann bestätigt sich die überragende Bedeutung der "Shadows". Die erste CD steht unter der Motto "Estrada susrece Rock'n'Roll - Zaplesi twist!" ("Als die Unterhaltungsmusik den Rock'n'Roll traf - Tanz den Twist!"). Die beiden letzten CDs stehen unter dem Motto "And the Beat goes on" (Übersetzung wohl überflüssig) und enthalten typischen Beat auch mit Vocals. Aber CD 2 bis 4 stehen unter dem Motto "Doba Elektricara - Instrumentalni rock" ("Das Zeitalter der Elektriker - Instrumental Rock"). Die Hälfte der ganzen Sammlung besteht also aus Instrumentalver-sionen! Wenn das nicht nach den "Shadows" als Übervätern riecht ?

Die "Shadows" waren u.a. auch das große Vorbild der "Siluete" (Sillhouetten), einer bereits 1961 in Belgrad gegründeten Gruppe. Ähnlich wie Roger McGuinn die "Byrds" angeblich nach dem Besuch des Beatles- Films "A Hard Days Night" gegründet hat, soll der Film "The Young Ones" mit Cliff Richard und den Shadows die Initialzündung für das Entstehen der "Silhouetten" gegeben haben. Außer Instrumentalnummern spielte diese Gruppe mit Vorliebe auch Nummern von den "Searchers". Dennoch gelang es ihr, sich ein provokatives Image zuzulegen. Schuld daran war u.a. ein geschickt ge-streutes Gerücht, die Band hätte während eines Deutschlandaufenthalts in Nürnberg auf einem Friedhof gespielt.

Eine weitere bekannte Gruppe von Shadows-Epigonen waren die Zagreber "Mladi" (Die Jungen"). Eines ihre bekanntesten Lieder hieß "Navdovod". Was nichts anderes heißt als "Pipeline".

Die "Shadows" nach zu spielen erfordert Talent. Mit den "Shadows" auftreten, vermutlich noch mehr. Die "Crveni Koralj" hatten dieses Glück. Diese Gruppe hält auch einen anderen Rekord: Ihre Single "Dok je drugi ljubi ("Während ein anderer sie küßt", eine Coverversion von "Then he kissed me") verkaufte sich 1964 nämlich 100.000 Mal. Und das obwohl es zu dieser Zeit in ganz Jugoslawien nur 120 000 Plattenspieler gegeben haben soll.

Den absoluten Ritterschlag erhielt jedoch der aus Ljubljana stammende Aleksandar Mezek . Der ging nämlich unter seinem englischen Pseudonym Alexander John mit Cliff Richard auf Tournee und schrieb auch Songs für ihn. Außerdem nahm Mezek auch eigene Singles in England auf. Bei einer hat kein geringerer als Rick Wakeman Keyboards gespielt.

Für Musik ohne Worte und Sprache kann es verschiedenen Gründe geben

Jedoch kann es auch andere Gründe für diese starke Präsenz der Instrumentalmusik gegeben haben. Jugoslawien war ein sozialistisches und multikulturelles Land Wer nicht singt, muß sich nicht entscheiden, ob er das Englisch (das ja dann doch irgendwie auch die Sprache des Klassenfeinds war) gebraucht, oder eine inländische Sprachvariante. Und welche der inländischen Sprachvarianten. Und er braucht überhaupt keinen Text. Weshalb man weder zu seicht noch systemkritisch sein kann. Das aber ist jetzt reine Mutmaßung des Autors, der Wessie ist. Leute, die selbst in einem sozialistischen System groß geworden sind, können das sicher besser beurteilen.

Das Repertoire der frühen Jahre

Viele jugoslawische Beat- und Rockgruppen haben nie Platten aufgenommen. Und bei denen, die es getan haben, ohne daß es Hits geworden wären, ist es nicht leicht, davon zu erfahren. Jugoslawien war auf seine eigene Weise sozialistisch. So gab es viele Freiräume und auch mehrere Plattenfirmen. Und verschiedene Musikzeitschriften (denen mitunter Folienschallplatten verschiedener Gruppen beilagen), die meist nur eine kurze Lebensdauer hatten.

Es gibt also keine zentrale Stelle an der man solche Informationen finden könnte. Es ist also nicht eben leicht, das Repertoire der frühen Jahre zu ermitteln. Einen guten Anhaltspunkt gibt aber die schon erwähnte kroatische 6er-CD-Box "Kada je rock bio mlad" (Als der Rock jung war"). Auf ihr der sich Coverversionen von "My Generation" (gespielt von "Zlalni akordi), "Sha la la lee" (Unter dem Titel "Tvoj rodjendan", also: "Dein Geburtstag" von "Siluete" gespielt), "Johnny B. Goode" ("Bleib stehen Johnny" bzw. "Stoj Dzni" ) und "Vule bule" (laut lesen, dann merkt man von selbst, um welches Lied es geht) finden.

Daneben lassen auch die damals erschienenen Singles Rückschlüsse auf das Repertoire zu. Da gab es Coverversionen von Beatles-Songs ( zum Beispiel "Michelle" von Alenka Pinteric aus Maribor, die ansonsten eigentlich eher Soul sang) oder von Sonny & Cher's "I got you Babe" (gespielt von den "Flammenden 5" so die Übersetzung von "Plamenih 5")-Manchmal wird man aber den Verdacht nicht los, daß manche Dinge erst mit Zeitverzögerung geschahen. Was dazu führte, daß der Beat in seiner ursprünglichen Form noch länger modern blieb als anderswo. So nahmen die "Roboti" ("Roboter") aus Zagreb ihre Coverversion von "A Taste of Honey" erst 1967 auf. Zu einer Zeit also, als anderswo schon eher die psychedelische Richtung angesagt war. Eher auf der Höhe der Zeit waren da die "Daltoni" ("Daltons") aus Nis. Diese spielten bei einem Konzert im selben Jahr in Belgrad nämlich die erste Hälfte des Auftritts nur Material von "Sergant Pepper". Womit sie eigentlich auch die Behauptung Lügen straften, daß mit "Sergant Pepper" die Musik der "Beatles" so komplex geworden sei, daß sie auf der Bühne nicht mehr zu spielen gewesen wäre.

Wettbewerbe, Festivals, Hotelterrassen und Tanzböden

Bereits in den 60-er Jahren etablierte sich in Jugoslawien eine Reihe von Festivals und Wettbewerben, bei denen sich insbesondere junge Beat- und Rockgruppen einem größeren Publikum präsentieren konnten. Mitunter winkten den Siegergruppen Plattenaufnahmen als Preis.

Den Anfang dieser Festivals machte (soweit man das heute noch feststellen kann) im Januar 1964 die "Parada ritma" ("Rhythmusparade") in Belgrad. Bei ihr traten die "Safiri" ("Saphire"), "Iskre" ("Die Flammen"), "Zlatni decaci" ("Goldene Jungs") sowie die Solistin Ivanka Pavlovic auf.

Im Jahr danach folgte, in der kroatischen Republikhauptstadt Zagreb am 4.und 5. November das "1. Festival der Beatmusik". Daß dieses Festival in eine Teilrepublik mit Küste stattfand, merkte man auch an den Namen der beteiligten Gruppen. Es spielten nämlich u.a. die "Delfini" ("Delphine") und die "Crveni Koralji" ("Roten Korallen"). In der Folgezeit wurden immer mehr Festivals veranstaltet.. Unter anderem fand bis findet von bzw. seit 1966 bis zumindest ins Jahr 2000 jährlich eine "Gitarijada", also eine Art Olympiade der Gitarre, statt. Damit ist die Gitarijada das langlebigste Festival dieser Art in Ex-Jugoslawien und gehört wohl auch europaweit zu den Langzeitrekorderhaltern für Veranstaltungen dieser Art. Mindestens ebenso legendär war das Festival für Nachwuchsbands unterschiedlichster Stilrichtungen in Subotica an der Grenze zu Ungarn. Es wurde von 1961 bis 1990 abgehalten. Mit dem Ende des gemeinsamen Staates war dann jedoch auch das Ende dieses Festivals gekommen.

Diese viele Festivals dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß Beat und Rock in Jugoslawien meist nicht in Riesenhallen stattfand. Auch angesagte Megagruppen tingelten nicht selten durch das Land und traten z. B. auch in Kinosälen in Kleinstädten auf. Andere Gruppen, z.B. auch die oben genannten "Delfini" (gemeint ist die gleichnamige Spliter Gruppe) traten während der Urlaubssaison wochenlang auf den Terrassen von Urlaubshotels auf. Es soll sogar Fans gegeben haben, die ihren Ur-laubsort und die Urlaubszeit nach solchen Hotelgastspielen festlegten. Wobei diese Fans dann meist nicht im Hotel selbst, sondern am nächstgelegenen Campingplatz wohnten. Die meisten Auftrittsgelegenheiten, auch zu anderen Jahreszeiten, gab es jedoch bei Tanzveranstaltungen.

Politische Einflüße

Beat war immer auch eine politische Sache. Nicht unbedingt, weil diejenigen, die ihn machten, politisch sein wollten. Sondern weil die Politik den Beat argwöhnisch beäugte. Wobei es hierbei eine paradoxe Situation gab. Im Westen gab es welche, die behaupteten, daß die Beat Musik (obwohl sie vom Westen kam) "vom Osten" gefördert würde, um die westliche Gesellschaft zu unterwandern und zu schwächen. Und im Osten wurde dagegen behauptet, der Beat sei aus dem Westen geschickt worden, um den Osten zu schwächen.

Manches, was heute an Zitaten von Politikern über Beatmusik satirisch klingt (beispielsweise die Honecker -Zitate zur Beatmusik, wie sie auf einigen CDs zur Rockmusik der DDR noch erhalten sind) hatte damals einen ernsten Hintergrund. Jemand, dessen Musik im ZK als etwas Negatives behandelt wurde, war nahe daran als Staatsfeind eingeordnet zu werden.

Auch Jugoslawien war ein sozialistisches Land. Allerdings gehörte es nicht zum Ostblock, sonder verfolgte seinen eigenen Weg zwischen den beiden Blöcken. Auch wenn keine Detailinformationen zu politischen Problemen gerade von Beatbands vorliegen, könnte es sie gegeben haben. Indizien dafür gibt es ausreichend. So wollten sich die "Roten Korallen" ursprünglich "Rote Teufel" ("Crveni Djavoli") nennen. Was sie dann aber lieber sein ließen, da sie fürchteten, das könnte als politisch provokativ ausgelegt werden. Man war also vorsichtig.

Zum anderen gab es insbesondere in den 80-ern eine Reihe von politischen Aktionen gegen Bands , so daß es erstaunlich wäre, wenn es vorher nicht eben solche gegeben hätte. Doe Bands "Riblja Corba" und "Zabranjeno Pusenje" bekamen in den 80e-er Jahren Schwierigkeiten wegen allzu kritischer Textstellen. Von der Nichtauslieferung von Schallplatten bis zu Strafverfahren reichte heir die Palette. Manchmal waren die Anlässe für solche Schwierigkeiten eher grotesk. Nele Karailic, der Sän-ger von "Zabranjeno Pusenje" Schwierigkeiten, weil er nach einem Tonausfall bei einem Livekonzert auf der Bühne äußerte, dem den "Marschall" sei die Sicherung durchgebrannt. "Marschall" ist aber nicht nur eine Verstärkermarke, sondern war eben auch Titel des Staatschefs Tito.

Göttlicher Beat

Die Vermutung, daß es Beatgruppen bei aller nach außen getragenen Offenheit des jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltungssozialismus dennoch politisch argwöhnisch beobachtet wurden, wird auch durch den alphabetisch letzten Eintrag in der Enzyklopädie des Jugorocks von Petar Janjatovic gestützt. Rock und Beat waren eigentlich überall suspekt. Den Gegnern im Westen wurde die Sache jedoch manchmal dadurch schwer gemacht, daß manche Beatgruppen auch religiöse Lieder sangen (Als Bei-spiel sei hier "Sing Hallelujah" von den "German Bonds" genannt.) Wer also könnte etwas gegen die Verbreitung von Liedern mit religiösen Inhalt haben ? (Woraus man allerdings nicht folgern sollte, daß die jeweilige Kirche die Herausgabe solcher Liede unbedingt förderte.).

Jugoslawien war, so hat es einmal ein Dichter formuliert, "etwas dazwischen". Er hätte auch sagen können: "zwischen allen Stühlen". Hier waren die Dinge teilweise so wie im Westen, teilweise so wie im Osten. Und teilweise noch ein bißchen anders.

Beweis gefällig? Gut! Hier ist sie, die Geschichte der "Zeteoci" ("Die Erntearbeiter"). Diese Band gründete sich 1962 und trat zuerst unter dem sinnigen Namen "Bijeli stolari" ("Die weißen Wagner") auf. Alle Mitglieder waren Studenten der katholischen Theologie. Deshalb spielte man auch Lieder mit religiösem Inhalt, allerdings als Beat. Was offensichtlich nicht allen gefiel. !969 beispielsweise wurde eine ihrer Auftritte verboten. Was dazu führte, daß die Polizei das aufgebrachte Publikum "besänftigen" mußte. Obwohl das Verbot später aufgehoben wurde, spielte die Band von da an überwiegend im Ausland. Unter anderem. trat man auch einmal in Rom vor dem Papst auf. Organisiert wurde dies von dem Zagreber Kardinal. Der hatte der Band auf die erste E-Gitarre gestiftet hatte. Die Kirche wurde also zum Lieferanten von Equipment für eine Beatband. Bei diesen Auftritten spielten sie nicht nur religiöse Songs, sondern auch Beatbearbeitungen von aktuellen Festivalhits und von Volksliedern.

1969 schließlich bot sich ihnen die Chance zur Veröffentlichung einer LP. Um ein Haar wären sie da-mit die erste jugoslawische Beatband mit LP -Veröffentlichung gewesen. Jedoch war die erste LP von "Grupa 220" einige Wochen früher zu haben, so daß es insoweit nur für Platz zwei reichte. In anderer Hinsicht ist die LP "To nije tajna" ("Das ist kein Geheimnis") jedoch Spitzenreiter. Sie ist nämlich die meist verkaufte jugoslawische Schallplatte mit religiösem Inhalt.

Interessant auch die Produktions- und Vertriebsweise dieser LP. Sie wurde nämlich nicht von einer Schallplattenfirma herausgebracht, sondern von der kirchlichen Zeitschrift "Glas koncila" ("Stimme des Konzils"). Und verkauft wurde sie nicht in Läden, sondern in der Kirche.

Die Gruppe gilt heute als Begründern des Musikstils "Cro sacro", unter dem man rock-und beatmäßige religiöse Lieder aus Kroatien zusammenfaßt. Weitere Gruppen waren dieses Stils waren "Prijatelji" ("Die Freunde"), "Kristofori" ("Die Christoforen") und "Zora" ("Die Morgenröte"). Die Musikpresse fand jedoch eine griffigere (und respektlosere ) Bezeichnung für die angehenden Priester mit E-Gitar-ren. Sie nannte sie nämlich kurz "Elektricari u haljanama" ("Elektriker in Frauenkleidern".

Nachgeborene und Revivals

Die große Zeit des Beats war auch in Jugoslawien die erste Hälfte der 60-er. Ebenso wie in anderen Ländern gab es jedoch auch später Neugründungen von Gruppen mit starker Beatorientierung.

Hier ist an erster Stelle wohl "Crvena Jabuka" ("Der rote Apfel") zu nennen. Schon der Name könnte als Reminizenz an die Beatles (bzw. deren Plattenlabel) verstanden werden. Die Orientierung an der britischen Musik der frühen 60-er Jahre wird aber auch in zahlreichen musikalischen und textlichen Zitaten in den eigenen Songs der Gruppe deutlich. Sie reichen vom Satisfaction-Riff bis hin zur "Hope I die before I get old" Textzeile aus "My Generation". Unter dem Titel "Svidja mi se ova stvar" ("Das gefällt mir") haben die roten Äpfel auch eine Coverversion des Standards "Twist and Shout"aufgenommen.

"Elektricni orgazam" (Übersetzung wohl überflüssig) nahmen in den 80-ern unter dem französischen Titel "Les Chansons populaires" ein Coveralbum auf, das u.a. eine Version von "Locomotion" enthielt. Interessant auch das Belgrader "Rubber Soul Project", ein Projekt, bei dem Musiker verschollene Beatlessongs "nacherfunden" haben. Über dieses Projekt gibt es einen 1994 gedrehten Dokumentarfilm, der internationale Anerkennung fand. Außerdem werden die Songs des "Rubber Soul-Projects" auch in der Kurzgeschichte "Die Santana-Festplatte", im Kurzgeschichtenband "Geklont", vom Autor dieses Beitrags, erwähnt.

Eine Beatles-Bezug besonderer Art hat die Platte "Let it be" der Band "Laibach" aus Ljubljana. Diese verfrachtet die gleichnamige Beatles-LP kurzerhand in ein pseudofaschistisches Umfeld. Weshalb man ins Grübeln komm. Wo, so fragt man sich, hätte man als pubertierender Jugendlicher seinen Drang zum Gemeinschaftserlebnis und zur Heldenverehrung eigentlich gelassen, wenn es keine Konzerte gegeben hätte?

Auf die Beatles verweist schließlich auch der Name der 1984 im Belgrader Vorort Zrenjanin gegründetetn Band "Instant Karma". Das selbe gilt für die 1991-er Single der Zagreber Gruppe "Sexa". Diese trägt den Titel "Pussy in the Sky with Diamonds". (Wie war das mit dem Geschmack und der Frage, ob man darüber streiten darf?)

Marmor, Stein und Eisen made in YU

Auch die "Weißen Knöpfe", die jugoslawische Überband schlechthin, erwies dem Beat ihre Referenz, obwohl sie sich erst in den 70-ern gründete. Nicht irgendeinem Beat, sondern dem originär deutschen. Ihre Live LP "Mramor Kamen i Zeljezo" aus den späten 80-ern leiteten sie mit "Mramor kamen i zeljezo" ("Marmo,r Stein und Eisen bricht") ein. Möglicherweise hat die Band aber das Original von Drafi Deutscher überhaupt nicht gekannt. Das Lied gab's nämlich schon mal, ebenfalls in Serbo-kroatisch gesungen, Anfang der 60er aufgenommen von der Zagreber Gruppe "Roboti" ("Die Roboter").

Die weitere Entwicklung der YU-Szene

Beat war auch in Jugoslawien der Anfang einer kreativen Explosion, die zu einer bunten Musiklandschaft führte. In Jogoslawien galt das in besonderer Weise. Neben internationalen Trends, die schnell ihren Weg nach Jugoslawien fanden, gab es dort auch vieles Eigenständiges.

Die Symbiose zwischen traditioneller Volksmusik und Rock zum Beispiel. Die wurde in Jugoslawien als "Schäferrock" bezeichnet. Anderswo erfand man so etwas erst Jahre später. Und nannte es weniger bescheiden "Ethnopop".

Vieles, was sich in der jugoslawischen Musikszene entwickelte, fand auch im Ausland Beachtung.

Die Spannweite dieser Szene war enorm. Da gibt es die Slowenen "Laibach", die u.a. am Hamburger Schauspielhaus die Musik zu "Macbeth" machten und manches vorwegnahmen, was man heute bei "Rammstein" beobachten kann. Und "Leb i sol", mazedonische Jazzrocker mit US-Auftritten. Und dann gibt es da auch die Filmmusiken des Goran Bregovic. Der, ehemalige Gitarrist der Megagruppe "Bijelo Dugme" ("Weißer Knopf" ) komponierte die Musik zu Filmen wie "Arizona Dream" mit Johnny Deep oder zu der Romanverfilmung "Die Bartholomäusnacht" nach Alexandre Dumas , die 1994 in Cannes als bester Film ausgezeichnet wurde. (Manche Kritiker und Kenner der jugoslawischen Musik behaupten jedoch, daß Bregovics Genialität weniger in eigener musikalischer Kreativität als in geschickter Kopie und Zweitverwertung liegen würde.)

Origineller ist da schon die radikal minimalistischen Soundexperimente von "Dicipline Kicme" ("Disziplin des Rückgrat"), die nur mit Bass und Trompete als Instrumenten auskamen. Was einen herrlich vorwärts treibenden Sound ergab. Die mastermind der Band, Koja, verließ Jugoslawien 1992 und ging nach London. Dort machte er unter dem Namen "Disciplin a Kitschme" in einer Formation weiter, die um einen neuseeländischen Schlagzeuger und eine afro-britische Sängerin erweitert war. Immerhin schafften diese Gruppe es eine (allerdings von der Presse kontrovers aufgenommene) CD mit engliachsprachigem Material zu veröffentlichen.

Fast noch interessanter aber dürfte das sein, was nie den Weg jenseits der jugoslawischen Grenzen gefunden hat. Die balladenhaften Stories der ursprünglichen Version von "Zabranjeno Pusenje" ("Rauchen verboten" ) zum Beispiel. Geschichten aus dem outback von Jugoslawien, geografisch irgendwo zwischen Tuzla und Medjugorje und inhaltlich irgendwo zwischen Springsteen und Dylan. Aber gesungen von einem Frontman, der Mick Jagger an guten Tagen alt aussehen lassen konnte. Bei "Zabranjeno Pusenje" spielte übrigens zeitweise der Regisseur von "Arizona Dream" Emir Kusturica Bass.

Und dann der definitive Zagreber Unterground von "Azra" mit seinen fünfdimensionalen Texten, die jeder anders verstand, aber alle für gleich subversiv hielten. Songs und Gruppen, die ohne die Sprachbarriere sicher auch den einen oder anderen Freund im westlichen Ausland gefunden hätten.

Weiter zu nennen sind als nationale Supergruppen natürlich die "üblichen Verdächtigen" wie die bereits erwähnten "Bijelo Dugme" und die Belgrader "Riblja Corba ("Fischsuppe"). Der Genuß dieser Fischsuppe hinterläßt bei manchen jedoch zwischenzeitlich einen unangenehmen Nachgeschmack wegen der zumindest ambivalenten politischen Haltung des Sängers während des Krieges. Und unverwechselbare und stilbildende Einzelinterpreten wie der Singer/Songwriter Djorde Balasovic aus Novi Sad (der als erster Serbe wieder nach dem Krieg in Sarajevo auftrat) oder der Belgrader Rapper Rambo Amadeus mit seinen freizügigen Texten, deren Vokabular man nicht unbedingt in allen Wörterbüchern nachschlagen kann.

Die Reihe der interessanten Gruppen, die nachfolgten ist schier endlos:

Da könnte man noch die dunklen Töne von "Ekatarina Velika" ("Katharina der Großen") nennen. Oder den leicht angepunkten Sound der Zagreber "Psihomodo Pop". Oder den 70-er Rock von "Smak" ("Weltuntergang") aus der serbischen Industriestadt Kragujevac mit dem Ausnahmegitarristen RM Tocak. Oder die über den elegischen Klangteppichen der 70-er schwebende Band "Time".

Experimentelles bis Freakiges gefällig ?

Wir wissen nicht, was der freundliche Tankwart empfiehlt. Wir würden "Porodicna manufaktura cnog hleba" (Häusliche Manufaktur für Schwarzbrot") und "Buldozer" empfehlen. Drei Mal täglich eine LP. Das sollte helfen. Sie stehen mehr auf straighten Rock? Nimm 2 und ab geht de Post! Z.B. aus Sarajevo und aus den 70-ern "Vatreni polubac" ("Feuriger Kuß") und aus neuerer Zeit und aus Belgrad "Van Gogh."

Für all diese Dinge, so verschieden sie auch sein mögen, gilt:

Ohne den Beat der 60-er Jahre und seine Vorreiterrolle hätten sich all diese Dinge wohl nicht entwic-keln können!

Auch in Jugoslawien war Beat also der Grundstein des gesamten neuen Gebäudes der populären Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Fazit: Beat (und die Musikstile, die daraus hervorgegangen sind) sind die eigentliche "Weltmusik"

What music creates let no mine destroy Auszug aus der Vorderseite des T-Shirts zum 'Live for Life Festial in Sarajevo' aus der Sammlung von Stefan Pürner
"What music creates let no mine"
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seite des T-Shirts zum "Live
for Life Festial in Sarajevo" aus
der Sammlung von Stefan Pürner

Vieles mag in Jugoslawien anders gewesen sein. Vieles gleicht jedoch der Situation anderswo. Womit der Blick in die Beatmusik des ehemaligen Jugoslawiens beweist, daß Beat nicht nur ein internationales Phänomen und eine internationale Sprache ist, sondern die Völker verbindet.

Mit dem Beat (zusammen mit dem Rock'n'Roll) begann sich eine gemeinsame weltweite Jugendmu-sik zu entwickeln. Mittlerweile sind die Jugendlichen von damals älter geworden. Gleichzeitig hat diese Musik immer neue Anhänger unter den nachfolgenden jüngeren Generationen gefunden. Womit sie auch zu einer generationsübergreifenden Sache geworden ist.

Egal, wo man auf der Welt ist. Man wird immer jemanden finden, der "Love me do" oder "Satisfaction" kennt Und der, wenn es die Umstände erlauben, gerne mit anderen zusammen singt oder spielt.

Und wenn man dann noch jemanden trifft, für den "Ludwig" nicht nur der Vorname bayerischer Könige ist, und der nicht nur weiß, was eine "Rickenbacker" oder "Gretsch" ist, sondern auch noch weiß, welche dieser beiden Gitarren auf welchen Songs gespielt wurden, dann dürfte das der Beginn einer wunderbaren langen Freundschaft sein.

So gesehen ist die Beat- und Rockmusik vielleicht die eigentliche "Weltmusik".

Über den Autor

Stefan Pürner Autorenfoto (c) Celero-Verlag 2006
Stefan Pürner © Celero-Verlag

Stefan Pürner kennt das ehemalige Jugoslawien seit Anfang der 80-er Jahre, hat es viele Mal bereist (u.a. auch auf ausgedehnten Fahrradreisen) und hat dort längere Zeit gelebt (in Novi Sad, Zagreb und Pristina). Seit er das Land kennt, beschäftigt er sich auch mit der dortigen Rockmusik. U.a. gestaltete er 1988 im "Zündfunk" des Bayerischen Rundfunks eine Sendung über Rock in Jugoslawien. Er ist Autor des Kuzzgeschichtenbands "Geklont" (siehe auch Beitrag in German BEAT buntes magazin), der im auf deutsche Science Fiction spezialisierten Celero-Verlag erschienen ist und in dem auch musikalische Themen eine Rolle spielen.

Im Hauptberuf ist er Rechtsanwalt in Nürnberg. Daneben ist er auch Lehrbeauftragter am Fachbereich Betriebswirtschaft der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule in Nürnberg sowie ständiger Experte der Deutschen Stiftung für internationale rechtliche Zusammenarbeit (IRZ-Stiftung) für Bosnien und Herzegowina.

Anhang zum Thema "Plattencover"

Auch die Ästhetik der Platten aus der Jugo-Beatzeit ist interessant. Teilweise erlaubt sie klare Rückschlüße auf ihre Vorbilder in der westlichen Beat-Szene, teilweise aber zeigen sich auch eigene Stile

Unter http://free-zg.htnet.hr/prljavokazaliste/ finden sich die Covers der Platten der Band Prljavo kazaliste (Das schmutzige Theater). Hier ist die Anlehnung an die Rolling Stones deutlich. Wobei allerdings die zerstückelte Zunge ganz neue Interpretationsmöglichkeiten läßt.

Unter http://www.bijelodugme.tk/Diskografija.html finden sich die Covers der Platten von Bijelo Dugme. Die Covers aus den 70-ern würden heute wohl teilweise als sexistisch angesehen werden. Später wurde man dan geschmackvoller.

Die Plattenhüllen des Aushängeschilds der Neuen Primitiven aus Sarajevo sind zu bewundern unter http://zabranjeno-pusenje.bosnia.ba/diskografija/. Und unter http://www.elektricniorgazam.com/diskografija.htm gibt's die Hüllen der Band mit eindeutigem Namen.

Literatur und weiter Informationsquellen

Naturgemäß gibt es über jugoslawischen Rock nicht allzu viele Informationen in deutscher Sprache.

In serbokroatischer Sprache ist vor allem das Megawerk von Petar Janjatovic "Ex YURock Enciklopediija 1960 - 2000" zu nennen.

Über Rock in anderen sozialistischen Staaten kann man sich in deutscher Sprache beispielshaft informieren mit Artemy Troitsky Rock in Rußland - Rock und Subkultur in der UdSSR, Wien 1990, und Michael Rauhut Rock in der DDR 1964 bis 1989, Bonn 2002. (Das letztgenante Buch ist zu beziehen über die Bundeszentrale für politische Bildung)

Weitere Interquellen zusammengestellt von German BEAT

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