Mike Evans (Hrsg.): The Beatles Literary Anthology

Umfangreiches Beatles-Kompendium schließt eine Lücke

Die aktuellen Veröffentlichungen belegen immer deutlicher: über die Beatles nun annähernd alles geschrieben worden. Was wirklich den Unterschied ausmacht, ist die Authentizität, wie beispielsweise bei "Each One Believing" oder "Postcards from the Boys". Chroniken - wie die von Paul Trynka beispielsweise - werden auch immer gern genommen. Da die Fakten auch hier hinlänglich bekannt sind, versuchen die Autoren einmal mehr das Lebensgefühl von "damals" in die Jetztzeit hinüberzuretten. Einzigartig ist jedoch der Ansatz, alle die Texte in einem Band zu vereinen, die namhafte Kritiker und Kulturschaffende in mehr als vierzig Jahren über die Fab Four zu Papier gebracht haben. Und das ist folgendem neuen Werk gelungen. Selbst in der aktiven Zeit der Beatles - den Sixites - gab es zum Thema nicht annähernd soviele Neuerscheinungen von Bücher und Publikationen wie heute.

Cover (C) Chronicle 2004
Front-Cover des Buches © Plexus Publishing

Plexus veröffentlichte am 9. Oktober 2004 "The Beatles Literary Anthology" in UK

Der bekannte britische Musikjournalist Mike Evans gewann für dieses Literaturprojekt zahlreiche seiner Journalistenkollegen, wie Jann S. Wenner, Philip Norman, Nik Cohn oder auch Mark Lewisohn. Das 448 Seiten starke Werk liegt lediglich in englischer Sprache vor - mag sein, daß es dadurch authentischer ist. Jedenfalls schließt es eine Lücke in der bisherigen Beatles-Bibliografie: Auszüge aus den wichtigsten Interviews, die besten Rezensionen, Artikel und Essays geben einen umfassenden Überblick über die kulturelle Bedeutung der Beatles, die als unscheinbare Popband in Liverpool und Hamburg aufwuchs und die noch nicht mal zehn Jahre später ein nachhaltiges, musikalisches Vermächtnis hinterlassen haben. Es verfolgt hauptsächlich den Aufstieg und das Ende der Vier und partiell auch deren Solo-Karrieren. Ergänzt werden die Ausführungen der Journalisten durch zahlreiche Kommentare von Leuten aus dem Kultur- und Showbusiness, wie Leonard Bernstein, Andy Warhol, Peter Brown, George Martin, Jon Wiener, Cynthia Lennon und vielen mehr.

Wir finden in "The Beatles Literary Anthology" Auszüge aus Büchern wie, "Shout! The True Story Of The Beatles" (Philip Norman), "Lennon Remembers" (Jann S. Wenner), "A Cellarful Of Noise" (Brian Epstein) oder auch "As Time Goes By" (Derek Taylor). Aus dem Wust Beatles-relevanter Literatur hat Evans das Beste aus 40 Jahren herausgesucht. Kritisches entdeckt man quasi nur mit der Lupe, dennoch setzen sich einzelne Artikel wohldem differenziert mit dem Werk und dem Wirken der Beatles auseinander. So beschreibt beispielsweise Pete Best - aus seiner Sicht - den Rausschmiß aus der Band. Ihre geschäftlichen Ambitionen werden als desolat dargestellt und ihre späteren Auseinandersetzungen darüber als ausweglos. Der britische Künstler und Dramatiker Sir Noel Coward zeigt sich 1965 dermaßen persönlich schockiert von der Beatlemania, daß selbst dem Rezensenten die Übersetzung ins Deutsche mißlingen muß: "To realise that the majority of the modern adolescent world goes ritualistically mad over those four innocuous, rather silly-looking young men is a disturbing thought." Demgegenüber fragt sich Autor Charles Marowitz in seinem Artikel "The Beatles' Home Movie" aus dem Jahr 1968, "ob wir denn auch unsere Kriterien weiterentwickelt hätten, mit dem man ein Werk wie den Film 'Magical Mystery Tour' angemessen beurteilen könne".

Foto: John und Paul; Szene aus First U.S. Visit (C) EMI Music Germany 2004
Beatles haben seinerzeit einiges von dem lesen
können, was Evans heute neu zusammengestellt
hat. © EMI Music Germany

Interessantes Kompendium für "Erlebniszeitreisende"

Die Beiträge zu diesem Buch stammen überwiegend von Zeitzeugen. Neben dieser Art von Authentizität ist es die annähernde Vollständigkeit der Themen, die mit den Beatles assoziiert werden. Gerade jüngere Fan-Generationen, die "damals" noch nicht dabei waren, können jetzt umfassend in den Spiegel der Zeit blicken und zumindestens virtuell "nacherleben", wie es war, die Metamorphose von einer Torband zu einer Studioband mitzuerleben und die fragilen Texte eines John Lennons im Kontext der Zeitgeschichte zu werten. Die jungen Fans müssen einfach mit dem Problem leben, die Beatles ex post zu erleben und nicht deren Aufstieg und Veränderungen mit Spannung und auch Ungewißheit über Dekade hinweg verfolgen zu können. Mit dem Buch "The Beatles Literary Anthology" kann man sich bedenkenlos auf die Zeitreise in die Sixties begeben.

Die einzelnen Artikel sind von namhaften und offensichtlich auch gewissenhaften Leuten geschrieben worden. Fakten spielten bei der Berichterstattung seinerzeit natürlich eine gewichtige Rolle. Mag sein, daß man heutzutage einiges davon anders bewerten muß. Aber dem Herausgeber Evans ist wohl eher daran gelegen, den kulturgeschichtlichen Kontext darzulegen. "Viele unterschiedliche Stimmen - alle berichten von dem knisternden Leben und Wirken von vier jungen Männern, deren Vermächtnis die ganze Welt berührt hat", schreibt der Evans im Klappentext.

Wer die zitierten Bücher, Features und Essays nicht in anderer Form vollständig sein eigen nennt, ansonsten (wie ich) in seiner Jugend überwiegend nur Bravo-Schnipsel sammeln konnte - für den lohnt sich das Buch allemal. Es ist interessant zu lesen, abwechslungsreich und zeitlich gesehen unbedingt authentisch. "The Beatles Literary Anthology" ist in dieser Art unverzichtbar.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Evans hat illustre Schreiber gebeten, ihre wichtigsten Beiträge zur "Beatles Literary Anthology" beizutragen. Hier eine Auswahl der Autorinnen und Autoren mit ihren Aufsätzen:

  • Ray Connolly: "John Lennon 1940-1980" (Biografie, 1981)
  • Cynhtia Lennon: "A Twist Of Lennon" (Autobiografie, 1978)
  • Mike Evans: "The Art Of The Beatles" (Buch über den Einfluß der Beatles auf die bildende Kunst, 1984)
  • Brian Epstein: "A Cellarful Of Noise" (Autobiografie, 1964)
  • Pete Best/Patrick Doncaster: "Beatle! The Pete Best Story" (Autobiografie, 1985)
  • Maureen Cleave: "Why The Beatles Create All That Frenzy" (Artikel im Evening Standard, 2. Februar 1963)
  • Michael Brown: "Love Me Do" (Das offensichtlich erste seriöse Buch über das Phänomen Beatles, 1964)
  • Alistair Taylor: "A Secret History" (Erinnerungen an die Zeit mit den Beatles, 2001)
  • Philip Norman: "Shout! The True Story Of The Beatles" (Biografie, 1981)
  • Vance Packard: "Building The Beatle Image" (Kritischer Artikel über das Beatles-Marketing, 1964)
  • Jean Shepard: "Playboy Interview With The Beatles" (1965)
  • Giles Smith: Yesterday (Review über den McCartney Song und dessen Coverversionen, 1968)
  • Chris Hutchins/Peter Thomson: "Elvis Meets The Beatles - Uncensored" (Buch, 1994)
  • Jon Wiener: "First Steps Toward Radical Politics: The 1966 Tour" (Kapitel aus dem Buch "Come Together: John Lennon In His Time", 1984)
  • George Martin: "All You Need Is Ears" (Studie über die Studioarbeit mit den Beatles, 1979)
  • Alan Aldridge: "Beatles Not All That Turned On" (Interview mit Paul McCartney, Washington Post, 1979)
  • Jann S. Wenner: "Lennon Remembers" (Interview mit John Lennon, 1970)
  • Tony Palmer: "Born Under A Bad Sign" (Analyse der Rockkultur in Buchform, 1970)
  • Carl Belz: "Rock And Fine Art" (Feature über das Weiße Album aus dem Buch "The Story Of Rock", 1969)
  • und viele Stories mehr ...

Bibliographische Angaben und weitere Informationen

The Beatles Literary Anthology
Herausgeber Mike Evans
Plexus Publishing Limited
Englische Originalausgabe
Format: Hardcover, 448pp; 156 x 234mm
Veröffentlichungsdatum in UK: 9. Oktober 2004
ISBN-Nummer: 085965315

Offizielle Informationen siehe auf der Webseite von Plexus.

Über den Autor

Mike Evans arbeitete in den sechziger Jahren als Rundfunkmoderator und Musikjournalist. In den siebziger Jahren schrieb er regelmäßig für den Melody Maker und Sounds. Seit Anfang der 90er-Jahre ist er im Verlagswesen tätig und hat seither mehr als 60 Bücher zu den Themen Rock 'n' Roll, Jazz und Popmusik herausgegeben. Mit "The Art Of The Beatles" bewies Evans bereits Gespür für Beatles-Bücher mit besonderem Ansatz.

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