George Harrison: Somewhere in England
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George Harrison: Somewhere in England

Harrison mit "Somewhere in England" nicht mehr kompatibel zum Industriestandard
von German BEAT!-Herausgeber Sven

Das 79er Album "George Harrison" spült nach seinem 14. Platz in der US-Hitparade zwar noch ein zufriedenstellendes Ergebnis in die Kassen der Warner Brothers, aber die Company erwartet etwas mehr von einem Ex-Beatle - Eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen für Harrison, diesem Anspruch gerecht zu werden, zumal er sich mehr und mehr auf seinem Herrensitz Friar-Park zurückzieht. Dennoch scharrt George im März 1980 seine alten Kumpanen Weeks, Larsen, Cooper, Keltner und Brooker um sich. Diese All-Star-Truppe stellt in gut sieben Monaten ein passables Album zusammen, mit Songs über die gesellschaftliche Entwicklung, die Liebe (zu Gott) und über die Ökologie. Ein privater Harrison kommt in diesem Werk abermals zum Vorschein. Man produziert Testpressungen von diesem Album. Doch vor dem eigentlichen Release-Date im Oktober 1980 kriegen die Warner-Verantwortlichen kalte Füße.

Man bittet Harrison eindringlich, das Album komplett zu überarbeiten. Vier Songs werden aus der Trackliste gestrichen. Um neue Fixpunkte zu setzen, beauftragt George seinen Freund Ray Cooper mit der Co-Produktion. Dieser beginnt gleich damit, "frische", englische Musiker in das Projekt einzubinden. Cooper bringt Elan und eine Leichtigkeit in das Album hinein. Das darf jedoch nicht über die erfahrene Kränkung durch Warner hinwegtäuschen, die den Künstler dazu veranlaßt, einen bitterbösen Bugschuß auf die Musikindustrie abzugeben. Jetzt erst recht, denkt er sich. Harrison paßt sich nicht an. Im Gegenteil, die Kollaboration mit Cooper sorgt sogar für eine "Englisierung"1 von Harrisons Musik - entgegen dem bisher stets treuen amerikanischen Markt. Daß das Album dennoch ein kommerzieller Achtungserfolg wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Ermordung von John Lennon im Dezember 1980 zurückzuführen. Das Interesse an den Beatles nimmt wieder deutlich zu. In dieser Zeit schreibt Harrison ein für Ringo gedachtes und bereits mit ihm vorproduziertes Stück um, läßt die Wings im Chor erklingen - das sind die Inkredenzien für einen Nr.-1-Hit in den USA.

Doch die Bedeutung der Beatles sowie die anderer Heros der sechziger Jahre nimmt ab. Die Musikrichtung New Wave gebährt neue Idole. Nicht "Summer of Love"; oder "Hoffnung für eine bessere Welt" beherrschen die Songbooks jener Dekade, sondern "No Future" und "Egoism". Das veranlaßt die altgediente Riege, bestehend aus Giganten wie Dylan, Young, Simon oder auch Clapton, und ihre treuen Fan- Gemeinden in ein Art "Parallel-Musik-Universum"2 umzusiedeln. Harrison gesellt sich mit "Somewhere in England" endgütig dazu.

Im Fazit sind sich viele Kritiker - unabhängig von kommerziellen Gesichtspunkten - im Nachhinein jedoch einig, wer Georges Musik wirklich mag, wird auch dieses Album schätzen und lieben lernen.3 Im übrigen hätte auch die erste Version von "Somewhere in England" ein nicht zu verachtendes Werk dargestellt.

Track/Titel
Autoren | Dauer | Credits4
Details4,5,6


1. Blood From A Clone
Harrison | 03:58 | GEORGE vocal, guitars; HERBIE FLOWERS bass; DAVE MATTACKS drums,percussion; MIKE MORAN keyboards

George ist der erste Beatle, dem eine Albumveröffentlichung verwehrt wird. Warner sieht sein "Return on Investment" schwinden, weil augenscheinlich kein Hit darauf zu finden sei. Harrison erleidet das Schicksal vieler 60er-Jahre-Heroes. Die Industrie ist dabei, ihn auf Stromlinie formen zu wollen. Doch George wäre nicht George, würde er dagegen nicht opponieren. Der Auftakt zum "neuen Somewhere of England" holt mit der geschickten Metapher "Blut eines Klons" zum musikalischen Gegenschlag aus. Die ersten Takte des Songs fangen harmlos an, beswingt greift Harrison auf zeitgemäße Ska-Rhythmen zurück. Doch dann singt er, "You need some oomph-papa, nothing like Frank Zappa" und verbündet sich zugleich mit einem anderen Genius, der auch nicht bereit ist, permanent nur "Bobby Brown" zu singen.

2. Unconsciousness Rules
Harrison | 03:36 | GEORGE vocal, guitars; WILLIE WEEKS bass; JIM KELTNER drums; NEIL LARSEN keyboards; TOM SCOTT saxophone; GARY BROOKER synthesizer; RAY COOPER percussion

Mit einem hippen Tanztitel, der "33 & 1/3" alle Ehre gemacht hätte, greift Harrison die gerade vor einem Jahr dank "Saturday-Night-Fever" wiedererstarkte Disco-Szene an: "Blinde führen Blinde, Du lebst von einem Tag auf den anderen". Das sind wahrlich nicht Ideale, denen Harrison folgt. Kaum zu glauben bei dem Groove, den die All-Star-Truppe um George zusammenbraut. Absolut genial - wieder einmal das Solo, das Tom Scott ins Saxofon pumpt.

3. Life Itself
Harrison | 04:24 | GEORGE vocal, guitars; NEIL LARSEN keyboards; GARY BROOKER organ; RAY COOPER drums, percussion

Wie auch "My Sweet Lord" oder "Your Love Is Forever" setzt diese Ballade wieder voll auf die Melodie, als höchste Form des Bekenntnisses zu Gott in der indischen Mythologie. Seine Poesie kommt zum Vorschein in der Eleganz, mit der er seine Gitarre anspricht, gepaart mit Varianz seiner Stimme in den eher religiösen Liedern8. Die Kritiker reiben sich in dieser Zeit besonders bei diesem Stück.

4. All Those Years Ago
Harrison | 03:43 | GEORGE vocal, guitars; HERBIE FLOWERS bass; AL KOOPER keyboards; RAY COOPER synthesizer, percussion; RINGO STARR drums; PAUL McCARTNEY backing vocals; LINDA McCARTNEY backing vocals; DENNY LAINE backing vocals

George nimmt diesen Titel so "by the way" mit und für Ringo Starr auf. Der Track ist soweit fertig, da passiert, das Unfaßbare, John Lennon wird in New York vor seinem Haus erschossen. Der Song wäre sicher ein Schunkelhit für Ringo geworden. Die endgültige Aufmerksamkeit erlangt er jedoch erst nachdem Harrison den Text umschreibt in Gedenken an Lennon. Zu guter Letzt singen die Wings, allen voran Paul selbst, im Background-Chor. Und so wird "All Those Years Ago" nach "I'm the Greatest" der zweite Titel, bei dem drei Ex-Beatles an einer Aufnahme beteiligt sind - nur um es nochmal deutlich hervorzuheben, es sind dieses Mal natürlich nicht alle drei Beatles zusammen im Studio. Dem Zeitgeist und dem ursprünglichen Protagonisten Ringo entsprechend, dominieren musikalisch der Synthi-Sound und der stringente Beat des Schlagzeuges. Mit "Wrinting's On The Wall" auf der B-Seite wird der "Threetle-Song" als Single vorab ausgekoppelt und avanciert zum weltweiten Hit.

5. Baltimore Oriole
Hoagy Carmichael | 03:57 | GEORGE vocal, guitars; WILLIE WEEKS bass; JIM KELTNER drums; NEIL LARSEN keyboards; TOM SCOTT saxophone; GARY BROOKER synthesizer; RAY COOPER percussion
Mit diesem Cover huldigt George einen seiner Helden aus der Jugendzeit. Hoagy Carmichael (siehe auch unter www.allmusic.com) war ein großer amerikanischer Jazz-Komponist, der seine Hoch-Zeit in den fünfziger Jahren hatte. "Baltimore Oriole" gehörte zu seinen absoluten Lieblingskompositionen. Georges Interpretation ist wunderbar arrangiert. Tom Scott besticht durch ein "verlorenes Saxofon". Die Wahl einer höheren Tonart im Gegensatz zum Original kommt Georges Stimme entgegen - sie klingt nicht nach Hungerleider sondern schmiegt sich formschön dem Arrangement aus Systhesizer und Bar-Piano (aus dem Keyboard) an.

6. Teardrops
Harrison | 04:04 | GEORGE vocal, guitars; HERBIE FLOWERS bass; DAVE MATTACKS drums; MIKE MORAN keyboards

"They want hits", mag sich Harrison gedacht haben, "ok, here are some pop-tunes." Musikalisch "catchy" stellt die zweite Singleauskopplung eine handwerklich saubere Arbeit dar. Leng vermutet, daß dieses Stück nicht unbedingt von Herzen kommt. Es ist von dieser Art vergessener Pop-Flausche, vor der Harrison für Jahre geflüchtet ist.9 Die Single selbst dümpelt mit "Save The World" auf dem "Rücken" in den Hitparaden vor sich hin.

7. That Which I Have Lost
Harrison | 03:42 | GEORGE vocal, guitars; HERBIE FLOWERS bass, tuba; DAVE MATTACKS drums; MIKE MORAN keyboards; RAY COOPERS percussion

Der Stallorder Warner folgend, sollen die neuen Songs, zu denen auch "That Which I Have Lost" gehört, ein bißchen mehr "up tempo" haben und sich verstärkt um das bewährte Schema "Junge-trifft-Mädchen" bemühen. Ok, der Song bekommt mehr Drive, schreibt aber am Thema vorbei. In einer Art "One-Man-Band-Manier" greift Harrison auf Skiffle-Elemente zurück. Bierzelt-Stimmung kommt auf wegen Herbie Flowers Tuba. Alles in allem ein schwacher Fetzer, der objektiv gesehen, den vom ersten Albumkonzept gestrichenen Stücken nicht das Wasser reichen kann.

8. Writing's On The Wall
Harrison | 03:57 | GEORGE vocal, guitars, gubgubbi; WILLIE WEEKS bass; JIM KELTNER drums; NEIL LARSEN keyboards; GARY BROOKER synthesizer; RAY COOPER tambourine, conga; ALLA RAKHA tabla

Mit dieser wunderschönen Melodie entrückt Harrison komplett der populären Musik. Der Song folgt dem Tempo von Werken wie "Be Here Now" oder auch "Long, Long, Long". Das Stück wird geehrt durch die Mitwirkung des großen Tabla-Meisters Alla Rakha (siehe auch unter www.allmusic.com). Textlich geht's düster zu: "Der Tod rückt näher mit jeder vergangenen Stunde" - Recht hat er wohl, nur ist das - aus der Sicht der Musikindustrie - ein probater Beitrag für ein Album? Leng kommt schlußendlich zu der Erkenntnis, das "Writings ..." zusammen mit "Life Itself" die einzigen Gründe sind, in die 1981-er Ausgabe von "Somewhere in England" reinzuhören.10

9. Hong Kong Blues
Hoagy Carmichael | 02:54 | GEORGE vocal, guitars; WILLIE WEEKS bass; JIM KELTNER drums; NEIL LARSEN keyboards; GARY BROOKER synthesizer; RAY COOPER percussion, gong, timbales

Ein zweites Mal greift Harrison auf den bewährten Katalog des großen Jazz-Komponisten zurück. Carmichael steht wie kaum ein Zweiter für große Melodien. "Hong Kong Blues" - hier im Original zu hören - stammt aus der Zeit der berühmten Radio Days - so um 1944 herum. Damit führt diese Aufnahme auch die Tradition von McCartney/Beatles-Titeln fort, wie "Your Mother Should Know" oder "Honey Pie". George Interpretation geht der Swing zugunsten einer Honky-Tonk-Stimmung etwas ab. Cooper garniert den Klassiker mit feinen Percussion-Elementen.

10. Save The World
Harrison | 03:57 | GEORGE vocal, guitars; WILLIE WEEKS bass; JIM KELTNER drums; NEIL LARSEN keyboards; GARY BROOKER synthesizer; RAY COOPER percussion; TOM SCOTT horns

Dieser Protestsong ist ein weiterer Beleg für die Desillusionierung Harrisons in dieser Zeit. Gespickt mit typisch britischem, schwarzen Humor a la Monty Python hält George der Welt den Spiegel vor. Musikalisch scheint das Stück Mitte der siebziger Jahre entrückt zu sein. Großartig instrumentiert sind hier abermals Tom Scotts Hörner, der Moog-Synthi und Georges Gitarre. Der Fade-Out stammt im übrigen aus dem Stück "Crying" vom Album "Wonderwall Music".

Weitere Informationen

Produzent: George Harrison und Ray Cooper
Aufgenommen (Zeitraum/Ort): März bis Oktober 1980 sowie November 1980 bis Februar 1981 in Friar Park, England.
Erstveröffentlichung: 5. Juni 1981
CD-Cover: Das Cover der bei EMI wiederveröffentlichten CD entspricht dem ursprünglichen Konzept mit dem Kopf vor der britischen Landkartensilhouette, siehe hier hochauflösende Front-Ansicht (422 kb; © EMI Promotionservices Germany).
Label/Company: Dark Horse/Warner
Chartpositionierungen (Album)5,6,7
Land | Höchste Position | Anzahl der Wochen in den Charts | Charteinstieg:

UK | Nr. 13 | 4 Wochen | 13. Juni 1981
US | Nr. 11 | k. A. | 1981
Chartpositionierungen (Singles)5,6,7
Land | Titel | Höchste Position | Anzahl der Wochen in den Charts | Charteinstieg:

US | All those years ago | Nr. 1 (i.d. Adult Contemporary Chart; Nr. 2 i.d. Pop Single Charts) | k. A. | 1979
US | Teardrops | Nr. 51 (Mainstream Rock) | k. A. | 1981 UK | All those years ago | Nr. 13 | 7 Wochen | 23. Mai 1981
Stand: 27.01.2003
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Quellenangaben:
1 Simon Leng: The music of George Harrison. S. 159.
2 Simon Leng: ebenda. S. 173.
3 Im übrigen "Somewhere in England" ist mit zwei Titel auf der CD "Best of Dark Horse 1976 - 1992" vertreten: "Life Itself" und "All those years ago".
4 Simon Leng: ebenda. S. 158ff.
5 www.jpgr.co.uk/k56870.html
6 www.allmusic.com
7 Sir Dirk Crisp: George Harrison in den britischen Charts. Yellow Submarine 2/1993, S. 8-9;
8 Simon Leng: ebenda. S. 166.
9 Simon Leng: ebenda. S. 169.
10 Simon Leng: ebenda. S. 170.

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