Fazit
Stilvoll layoutet mit vielen tollen Fotos bietet das Kompendium "Die Beatles" von Paul Trynka kurzweiligen Essays eine bunte Bühne. Mag sein, daß Chronisten an diesem Buch nur mäßig Freude finden. Aber - wegen des Magazinstils - wird dieses Werk mit Sicherheit von jüngeren Fans geliebt werden.

Geschichte erleben: Vom Kaiserkeller bis hoch auf den Pop-Olymp

Mojo-Chefredakteur Paul Trynka gibt Beatles-Chronik heraus

Foto: Titelseite der deutschen Ausgabe (c) Dorling Kindersley 2004
Titelseite der deutschen Ausgabe
© Dorling Kindersley

Die renommierte britische Musikzeitschrift Mojo widmete den Beatles drei Sonderhefte zu den einzelnen Abschnitten der Bandgeschichte. Alle wichtigen Ereignisse der künstlerischen wie privaten Entwicklung der Fab Four werden in ausführlichen Artikeln behandelt. Zu jedem Album sind die Entstehungsgeschichte, zeitgenössische Pressestimmen und Reviews von Künstlerkollegen zu lesen. Zu Wort kommen außer den Beatles selbst zahlreiche Freunde, Verwandte und Weggefährten. Unter den 700 Fotografien sind neben sehr bekannten auch viele seltene und bis vor kurzem unbekannte Aufnahmen zu finden. Seit Oktober 2004 gibt es die drei Sonderausgaben auch zusammen in gebundener, wertiger Ausgabe aus dem Hause Dorling Kindersley (DK). In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sowohl die deutsche Ausgabe im Vertrieb von DK Germany erhältlich als auch die englische Ausgabe, für die die Edition-Olms verantwortlich zeichnet.

Foto: Titelseite der englischen Ausgabe (c) Editions-Olms 2004
Titelseite der englischen Ausgabe
© Editions-Olms

Farbige und kompetente Chronik

Paul Trynka, seines Zeichens Chefredakteur vom Mojo ist der Herausgeber dieses Almanachs, das sich als die seit Jahren farbigste Collage von Stories rund um die größte Popgruppe aller Zeiten entpuppt. Inhaltlich erweist sich die Chronik äußerst kompetent, dank der Kohorte emsiger Rock-, Pop- und Beatles-Insider, wie Brian Wilson (mit einer Ode an Pepper) über Alan Clayson, Ian MacDonald, David Fricke, Mark Lewisohn, Barry Miles bis hin zu Keith Badman. Trotz der sattem 456 Seiten verliert sich das Heft nicht in epischer Tiefe. Enthüllungen werden uns auch nicht dargeboten. Mag sein, daß Chronisten daraufhin an diesem Heft nur mäßig Freude finden. Aber - wegen des Magazinstils - werden mit Sicherheit jüngere Fans, die Beatles-Jahre virtuell erleben wollen, diese Buchausgaben lieben.

Swinging Sixties lifted up to the new Century

Die Aufmachung des Buches sind der springende Punkt; denn wenn wir heute auf die Sixties zurückblicken, sehen viele (Jüngere!?) lediglich flower-power mäßig gekleidete - vornhemlich - langhaarige Typen, umgeben von sehr viel Rau(s)ch. Der Zweite Weltkrieg war gerade zwanzig Jahre vorüber und nach Meinung vieler Zeitgenossen stand der Dritte kurz bevor. Die Musik war extrem gitarrenlastig und der Sound auf zwei Kanäle beschränkt. Am Beispiel der jüngst veröffentlichten DVD "Rock'n'Roll Circus" wird deutlich, mit welch einfachen Gesten und Mitteln damals noch Happenings und Shows veranstaltet werden konnten. Die Musik ist zeitlos, die Performance verbleibt in ihrem temporären Kontext.

Halten wir entsprechend Rückschau auf die Geschichte der Beatles, so geschieht das auf ganzheitlicher Basis. Im Bewußtsein des Heute beurteilen und empfinden wir die Chronologie der Ereignisse. Doch Geschichte zu erleben, bedeutet die Geschehnisse von Anfang an zu verfolgen und im Kontext der Zeit auch zu verstehen, ohne zu wissen, wohin das ganze führt. Warum war die einst uniforme Tennie-Beatband darauf erpicht, einen Imagewandel herbeizuführen? Auf welches Verständnis bei den Fans stießen die Ambitionen der Vier nach indischer Mythologie, Avantgarde oder surrealer Literatur? Warum haben sich die Jungs von der Konzertbühne verabschiedet? Warum haben die Fans die Single "Strawberry Fields Forever" mit dem zweiten Platz in der Hitparade "abgestraft"? Warum kam es dazu, daß ein Unternehmen wie die Beatles nicht steuerbar war? Fragen über Fragen, deren Antworten im (Wieder-)Erleben der Geschichte erst einen Sinn ergeben.

"Die Beatles - Ihre Geschichte - ihre Musik" respektive "The Beatles - 10 Years That Shook The World" ist es ansatzweise gut gelungen, der Leserschaft das Gefühl zu vermitteln, die Zeit aktiv mitzuerleben. Man erhält - gerade wenn man der zweiten und nachfolgenden Generation von Beatles-Fans entsprungen ist - eine Ahnung davon, warum die Beatles ihres Beatband-Images überdrüssig waren, ja sich förmlich in ihrer Kreativität beengt fühlten. Daß andere Interessen in der Kunst und Literatur und auch Drogen ihnen mehr abverlangte, als sie zuvor - durch Tourneestreß gebeutelt - leisten konnten. Zehn Jahre von 1961 bis 1970 dauerte es lediglich, um vom Kaiserkeller in die Unsterblichkeit des Pop-Olymps emporzusteigen. Dazwischen gab es innerhalb von drei Jahren eine gigantische Metamophose von der Tennie-Raupe zum Pop-Schmetterling. Drei Jahre in denen sie einige orientierungslose Fans zurückließen, aber eine ganze Reihe von neuen hinzugewonnen haben.

Authentizität und Übersicht

Die beiden Sprachausgaben sind hinsichtlich Inhalt und layout nahezu identisch. Die Einbände sowie die Schutzumschläge sind grundverschieden. Was den Buchtitel und zahlreiche Überschriften angeht, weicht der deutsche Beitrag erheblich von der Übersetzung der englischen Texte ab - allein "Die Beatles - Ihre Geschichte - ihre Musik" klingt harmloser als beispielsweise "Die Beatles - 10 Jahre, die die Welt aus den Angeln hoben". Seltsamerweise gibt in der deutschen Ausgabe einige englische Überschriften, die nicht im geringsten mit dem Original zu tun haben. Die Story um die ominöse Reise von Brian Epstein und John Lennon nach Barcelona - die in einem Zusammenhang mit einem angeblichen homophoben Abenteuer beider steht - heißt hier "Honey Don't" und im englischen Original "It's Only Love". Was soll man davon halten?! Aber das sind Petitessen - die der Leidenschaft der Autoren, mit der die Geschichten vermittelt werden - nicht entbehren. Beide Sprachausgaben finden sicherlich ihre spezifischen Käufer: Die englische für die Fans, die auf geschriebene "O-Töne" stehen und die deutsche für die schnellen Leserinnen und Leser.

Highlights aus dem Inhalt

Vorwort: Brian Wilson

1961: "Schule des Rock" von Patrick Humphries über die erste Plattenaufnahme der Beatles unter Bert Kaempfert

1962: "In His Life" von Joe Cushley mit einem kurzen Abriss über den Mythos von Stuart Sutcliffe

1963: "Ein geniales Foto" von John Harris, der mit dem Cover von "With The Beatles" eine Revolution im LP-Design verbindet.

1964: "Das ideale Paar" von Ian MacDonald mit einem Essay über die Songschreiberqualitäten kurz vor dem absoluten Höhepunkt der Beatlemania.

1965: "Shea Stadium" von Dave DiMartino, über DAS Konzert der Beatles.

1966: "Eine letzte Frage..." - die letzte Pressekonferenz als Tourband.

1967: "Roll up ..." von Johnny Black mit einem Feature über den TV-Film "Magical Mystery Tour".

1968: "Hinter den Kulissen" von Lois Wilson über Apple Corps. Tony Bramwell liefert eine tolle Fotostrecke aus jener Zeit.

1969: "Finaler Film" von Martin O'Gorman in einem Feature über den letzten Film der Beatles. Interessant aus diesem Jahr ist im Übrigen auch der Artikel "Wo sind die Songs?". Mark Lewisohn erzählt die Geschichte, wie Hohn und Paul die rechte an ihrem Songkatalog verloren.

1970: "Kampf bis zu letzt" Peter Doggett nennt die Gründe für die Trennung der Beatles.

Bibliographische Angaben und weitere Informationen

Paul Trynka: Die Beatles - Ihre Geschichte - ihre Musik

Aus dem Englischen von Markus Diedrich, Christian Kennerknecht, Petra Kirchmann, Uwe Schleifenbaum, Janette Schroder und Inga-Britta Thiele
456 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Hardcover, im Format 28*21 cm
über 700 Farbfotografien
ISBN 3-8310-0656-3

Offizielle Informationen: gibt es auf der Webseite des Verlages Dorling Kindersley vor.

Paul Trynka: The Beatles - 10 Years That Shook The World

456 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Hardcover, im Format 28*21 cm
über 700 Farbfotografien
ISBN 3-283-00499-4

Offizielle Informationen: Das Buch wird in der Schweiz, in Deutschland und Österreich von der Edition Olms veröffentlicht. Die Edition Olms ist bereits den Fans bekannt für das Rolling-Stone-Buch über George Harrison sowie dem Schmöker "John Lennon 1940 - 1980" von John Robertson.

Weitere relevante Informationen siehe bei Beatlemania. Das beliebte Online-Fanzine liefert noch ein paar Details zum Vergleich der drei Mojo-Ausgaben mit der gebundenen englischen Ausgabe "The Beatles - 10 Years That Shook The World".