Beatles-Hits zum Nachschlagen

Zwei diskografische Standardwerke auf dem Prüfstand

Die aktuellen Beatles-Buchveröffentlichungen (siehe auch unseren Bericht über die Frankfurter Buchmesse) zeigen mehr als deutlich: Über die Fab Four ist alles geschrieben worden. Was wirklich den Unterschied ausmacht, ist die Authentizität, wie beispielsweise bei "Each One Believing", "Postcards from the Boys" oder auch bei Hunter Davies' Beatles-Biografie. Äußerst beliebt sind auch Diskografien, die ein wenig mehr Licht in die Produktionsarbeit bringen sollen.

Den Kontext begreifen, um die Musik verstehen zu können

Es liegt auf der Hand, sobald ein Album der Beatles neuaufgelegt wird, geht der erste Blick der Fans in das Booklet: Sind Liner Notes vorhanden? Was erfahren wir über die Songs? Wann wurden sie aufgenommen? Was ist besonders an dieser Aufnahme? Besondere Beachtung fanden die kleinen "Heftchen", die den "Anthology"-Alben oder der "Live at the BBC"-Doppel-CD beilagen. Andere Veröffentlichungen schweigen sich buchstäblich um die näheren Umstände einer Compilation aus. Jüngstes Beispiel resultiert aus den spärlichen Informationen zur aktuellen Capitol-Box der Beatles. Der amerikanische Experte Bruce Spizer hat in seiner leidenschaftlichen Art gar ein alternatives Booklet veröffentlicht.

Nun, das ist die Gelegenheit für Leute wie Mark Lewisohn, in die Bresche zu springen. Mit seinen Büchern "The Complete Beatles Chronicle" oder "The Complete Beatles Recording Sessions" hat er Maßstäbe gesetzt. Der durch seine Mitwirkung bei jüngsten Beatles-Projekten "geadelte" Archivar gibt zu jedem in den sechziger Jahren veröffentlichten Beatles-Song einen erschöpfenden Einblick in die Komposition und Studioarbeit. Mit der Seele eines Buchhalters steht Lewisohn Rede und Antwort. Ihm wie auch anderen Autoren dieses Genres geht es darum, den musikalischen Kontext sowie die äußeren und historischen Umstände darzulegen, um die Lieder besser verstehen zu können. Sie vermitteln einen Eindruck von der Produktion, der den Fans bisher vorenthalten blieb.

Wer wäre nicht gerne die im englischen viel zitierte "Fly On The Wall", als die Beatles an "Tomorrow Never Knows" herumbastelten. Spannende Zeiten sind das offensichtlich gewesen, welche die Band vor Aufnahmegeräten und inmitten von Tonbandspulen verbacht haben. Es gibt zwei aktuelle Bücher, die diesen diskografischen Ansatz wieder aufgegriffen und diesem einen eigenen Charakter verliehen haben.

Eher "Stiftung Albumtest" als "Fly On The Wall" -
"John Robertson & Patrick Humphries: The Complete Guide To Their Music"

Buchtitel (C) Omnibus 2004.
Paperback Guide
© Omnibus

Bei Omnibus Press - dem englischen Spezialverleger für Rockliteratur erschien unlängst "The Beatles: The Complete Guide To Their Music" von John Robertson und Patrick Humphries. Dieses Taschenbuch folgt der einige Monate zuvor erschienenen Hardcover-Ausgabe. Das Werk besticht durch "ein handliches, reisefreundliches Format und absolute Vollständigkeit", so schrieb das Magazin Good Times. Wir können dieser Auffassung nur bedingt folgen. Auf 192 Seiten besprechen die beiden Autoren lediglich die Tracks, die auf den britischen Alben erschienen sind: Von "Please, Please Me" bis "Let It Be ... Naked" und von "Tony Sheridan Sessions" über die "Decca Auditions" bis "Live At The Star Club". Die speziellen Single- und EP-Veröffentlichungen sind nur implizit im Zusammenhang mit den Compilations "Past Masters" ein Thema.

Zu jedem Album gibt es eine kurze Beschreibung und eine knappe zeitgeschichtliche Einordnung des jeweiligen Werkes sowie produktionsbedingte Besonderheiten. Zu den Stücken als solche tragen Robertson und Humphries Informationen über den Komponisten, die wesentlichen Einflüsse und das musikalische Grundgerüst zusammen. Alles - mehr oder weniger knapp. Der Band erinnert sehr stark an "Die Beatles - Ihre Karriere, ihre Musik, ihrer Erfolge" von Hans Rombeck und Wolfgang Neumann aus dem Jahre 1977.

Man muß dem "Complete Guide" allerdings zu Gute halten, daß es in Anbetracht der Kürze einigermaßen nachhaltig die wichtigsten Informationen Titel für Titel bereithält. Man bekommt einen relativ guten Gesamteindruck vom Beatles-Songkanon vermittelt. Die Leserschaft kann sich dieses Buch somit gleich ins CD-Regal legen, um bei Bedarf - auf einen Blick sichtbar - mit kompakten Fakten zu den Alben glänzen zu können. Alles in allem ist das Werk ein probater Ersatz für die fehlenden Liner-Notes der einen oder anderen LP.

Ein MUSIK-Nachschlagewert, das diese Bezeichnung zurecht trägt -
"Ian MacDonald: The Beatles - Das Song-Lexikon"

Buchtitel: The Beatles - Das Song-Lexikon von Ian MacDonald (c) Bärenreiter 2003
Als "Revolution In The Head"
bereits ein Klassiker
© Bärenreiter Verlag

Das "Song-Lexikon" ist in der englischen Ausgabe mit dem treffenderen Titel "Revolution In The Head" bereits ein Klassiker unter den Beatles-Büchern. Es erschien 1997 und liegt in der deutschen Ausgabe seit 2000 vor. Im September 2003 kam die zweite Auflage aus dem Hause Bärenreiter auf den Markt. Das 529 Seiten starke Werk wird als das "wahre Vademecum zur Musik der Fab Four und ihrer Zeit" gepriesen. Die britische Zeitung Observer schreibt, an "'Revolution In The Head' müssen alle anderen Beatles-Bücher gemessen werden". MacDonald stellt jeden einzelnen der 241 Songs von "That'll Be The Day" bis "Real Love" vor, erläutert die biografischen und gesellschaftlichen Hintergründe und klärt über die genauen Daten der Produktion, deren Besetzung und Aufnahmetechnik auf.

MacDonald liefert ein ehrliches Buch ab - und das in jeder Beziehung. Er verneigt sich tief vor dem Werk der vier Jungs aus Liverpool - läßt aber, wenn es von Nöten ist, auch den Prügel aus dem Sack. "In seiner Beatles-Zeit war Lennon selten gelangweilt. Mit [Across the Universe] allerdings zeigt er, daß es auch unerwünschte Ausnahmen gab." Und hinsichtlich "You Won't See Me" und "Nowhere Man" konstatiert der Kritiker: "die unpassenste Paarung, die je auf einer Beatles-LP zusammengestellt wurde". Man muß die Meinung zu diesen beiden "Rubber Soul"-Klassikern nicht unbedingt teilen, aber MacDonald klingt schlüssig, in dem er konzeptionell und auch musikalisch die Dinge beim Namen nennen und methodisch exakt sezieren kann: "Das unterschwellige Gefühl der Einsamkeit zeigt sich in [dem] Song ['I Dont't Want To Spoil The Party'] in G-Dur beim subtilen Eintauchen nach bVII in der Schlußzeile jedes Verses". Die Leser können sich weiterhin an Feinsinnigem erfreuen wie " ... jedenfalls absorbierte [Lennon] diese zweitönige Wechselbewegung sofort in einer zwanghaften musikalischen Struktur, die um ein unaufhörlich ansteigendes/absteigendes Treppenhaus aus allen natürlichen Dur-Akkorden im M.-C.-Escher-Stil gebaut ist - die unorthodoxeste und tonal mehrdeutigste Sequenz, die er je ersann". Die Rede ist von ... "I Am The Walrus". Und in einer Fußnote bemerkt der Autor: "Es ist schon seltsam, daß Klassikkritiker in ihrem hastigen Bemühen, YESTERDAY zu preisen, diesen außergewöhnlichen Song mit seiner unglaublichen harmonischen Struktur übersahen ..."

Mit diesen und vielen, vielen anderen Bonmots verdient sich dieses Werk zurecht ein Musik-Nachschlagebuch zu sein. Mehr noch als andere Track-by-Track-Bücher gelingt es MacDonald dort, wo es für das Verständnis eines Songs notwendig ist, die musikalischen Strukturen, wie Akkorde, Tonverläufe oder Rhythmen halbwegs verständlich zu beschreiben. Nach dem Studium dieses Lexikons wird man die Beatles-Lieder nicht mehr so hören wie zuvor. Zum einen macht uns MacDonald mit Details bekannt, die beim oberflächlichen Hören gar nicht so offensichtlich sind und zum anderen liegt es auch an der Stofffülle zu gesellschaftlichen und kulturellen Parallen in der damaligen Zeit. Auf knapp sechzig Seiten liefert MacDonald einen Abriß über die sechziger Jahre, von denen der amerikanische Komponist Aaron Copland schon gesagt hat: "Wenn ihr was [darüber] erfahren wollt, spielt die Musik der Beatles."

MacDonald hat ein Katalogsystem kreiert - ähnlich wie das Köchelverzeichnis für Mozart-Kompositionen, daß sämtliche 241 Beatles-Songs ihrem Aufnahmebeginn nach chronologisch ordnet. Auf die "Live At The BBC"-Aufnahmen wird jedoch nicht näher eingegangen. Hieran läßt sich die Entwicklung eines Gesamtwerkes ausmachen, das den Soundtrack für ein spannendes Jahrzehnt geliefert haben. Auf weiteren fast hundert Seiten hat MacDonald die Bandgeschichte im Zeitraffer tabellarisch den kulturellen und politischen Ereignissen jener Jahre gegenübergestellt.

Mit "The Beatles - das Song-Lexikon" liegt das ultimative Handbuch zur musikalischen Entwicklung der Beatles vor - das in seiner Art und Widersprüchlichkeit der Sprache und Genialität der Musikstücke - um die es hier geht - keinen Deut' nachsteht. Ian MacDonalds Standardwerk hat damit im vergangenen Jahr einen Reigen eröffnet, der durch den von German BEAT! zitierten Beatles-Literaturkanon in 2004 fortgerührt worden ist. Man braucht bestimmt nicht jedes Buch über die Fab Four - nur "Das Song-Lexikon" darf einfach in keiner Musikbibliothek fehlen.

Bibliografische Angaben

Titel: The Beatles - the Complete Guide to their Music
Autor: John Robertson & Patrick Humphries
Verlag: Omnibus Press
Format: Taschenbuch, 178 x 111 mm, 192 Seiten
ISBN: 0-7119-9882-5
VÖ: September 2004
Preis: GBP 4,95
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Titel: The Beatles - Das Song-Lexikon
Autor: Ian MacDonald
Verlag: Bärenreiter-Verlag
Format: Taschenbuch, 217 x 152 mm, 529 Seiten
ISBN: 3-7618-1738-X
VÖ: September 2003
Preis: EUR 24,95
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