Rezension zu The Beatles: The First U.S. Visit
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Spröde Freundlichkeit wird zur puren Begeisterung

"Ich kann sogar sagen, daß ich jedesmal, wenn ich den Film sehe, dazu inspiriert bin, noch einen zu drehen", das sagt Kameramann und Mastermind Albert Maysles über "The First U.S. Visit". Der Film ist ja nicht ganz unbekannt - schließlich lief er international bereits in den Sechzigern im Fernsehen. Irgendwann einmal gab es ihn als Video und zeitweise auch als DVD zu kaufen. Der Film galt seinerzeit als revolutionär, wegen der Art und Weise, wie er gedreht wurde. Schaut man sich heutige "Rockumentaries" an, dann wurden mit "The First U.S. Visit" Maßstäbe gesetzt. Klar - heute sind die Schnitte schneller, prägnanter und technische Gimmicks das "Salz in der Suppe":

Maysles läßt eher die kontinuierlichen Bilder sprechen. Die stellenweise Rasanz bezieht der Film aus dem spontanen aktiven Mitwirken der Beatles. Situationskomik und kesse Sprüche sind vorherrschende Stilelemente. Auf der Bahnfahrt von New York nach Washington und zurück zitieren sich die Beatles quasi vorweg in Bezug auf den späteren Kinostreifen "A Hard Day's Night".

Dokumentarische Höhepunkte bieten der Film und das "Making off ..." gleichermaßen: Die Beatles verausgaben sich während eines "Call Ins" in die Radioshow des ebenso legendären Murray the "K". Bei dieser Gelegenheit wünscht sich Paul den Songs "Pride and Joy" von Marvin Gaye (beim nächsten Mal bitte ganz ausspielen :->). Einen anderen Glanzpunkt setzt ein unbekümmerter Ringo als er sich auf der Bahnfahrt eines kecken 8-jährigen Mädels annimmt - die Kamera ist nah, doch im Bewußtsein der beiden Protagonisten ganz weit weg. Wiederum in einer anderen Szene steht Brian Epstein, der Manager der Beatles im Mittelpunkt - Termine, Besprechungen und Konferenzen: Brian wirkt ein wenig verloren und abseits der Gruppe.

Die Beatles sind zum Eroberungszug in die USA aufgebrochen, als das Land noch paralysiert vom Kennedy-Attentat nach dem Sinn von Gesellschaft und Nation suchte. Mit nur zwei Alben "Introducing ... The Beatles" und "Meet the Beatles" haben die 4 Jungs aus dem fernen Britannien den Nährboden bereitet, der ihre Single "I Want To Hold Your Hand" zur Nr. 1 werden ließ und der den grandiosen Einzug der Beatlemania in Übersee ermöglichte. Der "Erste U.S.A. Besuch" hat den Amerikanern wieder ein Stück mehr Unbekümmertheit und Fröhlichkeit vermittelt. Es sei diesem Volk abermals zu wünschen, daß es in dieser Zeit - in Gedenken an das Jubiläum "Fab40" - wieder die Portion davon zurückbekommt, die es seit "September Eleven" und durch die Bush-Administration1 verloren hat.

Fazit

Die DVD ergänzt ideal die Episode 3 der Anthology-DVD-Box. Sie ist einfach wunderbar fotografiert und in Szene gesetzt. Alle Fans, die noch auf die Wiederveröffentlichung eines Live-Albums der Beatles warten, sind übergangsweise mit "First U.S. Visit" mehr als gut bedient. Anderen, die "damals" nicht dabei waren, wird ansatzweise deutlich werden, was die Beatles zu Beginn ihrer Karriere so außerordentlich erschienen ließ: Ihre Unbekümmertheit, ihr Charme gepaart mit schwarzem Humor zog Jung wie Alt in ihren Bann. So nahm auch der anfangs freundlich spröde Ed Sullivan nur schweren Herzens Abschied von den "netten Liverpooler Jungs".

Zu den Bewertungen im einzelnen:

Die Musik

Bei einem Dokumentarfilm über die Beatles darf natürlich auch deren Musik nicht zu kurz kommen. Insgesamt 13 Live Performances (mit Wiederholungen) bringen die Fab4 zum besten: Allesamt Knüller ihrer jungen Karriere. Frisch und unverbraucht treten sie auf. Die Songs kommen verdammt gut rüber - Mensch, die Film- und Fernsehaufnahmen sind 40 Jahre alt. Im Zweikanal-Mono bietet der Groove dem dolby-surround-verwöhnten Audioequipement durchaus Paroli. Die bekannten Gralshüter des Beatles-Sounds Hicks und Rouse haben wieder alle digitalen Register gezogen.

Die live dargebotenen Lieder werden komplett ausgespielt. Ein Highlight liefert die wunderbar interpretierte Ballade "Till There Was You" mit einem begeisterten, jungen George Harrison und einem ebenso begeisternden Gitarrensolo. Einen weiteren interessanten Glanzpunkt setzt die rauhe, eigenwillige Interpretation von "I Want To Hold Your Hand" aus der ersten "Ed-Sullivan-Show".

Der Film

In 1964 durchaus üblich und fernseh-tauglich ist die schwarz-weiß Darstellung. Heutzutage mißt man diesem Umstand eher künstlerische Motive bei. Wochenschauauthentizität kommt zumindest bei den öffentlichen Aufnahmen auf. Doch Maysles überwindet mit Hilfe handhabbarer, mobiler Technik bis dato vorherrschende Grenzen der filmischen Darstellung. Er ist mittendrin, er schaut den Beatles über die Schultern, spürt im faden Licht eines Hotelzimmers lebhafte und aufmerksame Silhouetten auf. Die Bilder sind klar, selbst das technisch grobe Fernsehmaterial läßt die "Black-Triniton-Röhre" heutiger Bildschirme nicht alt aussehen.

Die Special-Features

Hier haben sich die Macher wirklich gut in's Zeug gelegt. Neben 81 Minuten Hauptfilm wartet die DVD mit einem 51 minütigen "Making off ..." auf. Albert Maysles gibt einen Abriss über die Entstehung des Films. Dabei läßt er einen reichhaltigen Fundus an Outtakes wieder aufleben. Man merkt Maysles auch vierzig Jahre danach an, wie sehr ihn die Jungs aus Liverpool während der 14 Tage beeindruckten, zumal er vorher noch nie etwas von ihnen gehört hatte.

Damit nicht genug. Wahlweise kann der geneigte Zuschauer sich den Kommentar von Albert Maysles zum Hauptfilm dazu schalten. So gibt es noch weitere Hintergrundinformationen und Anekdoten zu erfahren.

Die Menütechnik und das Artwork

Das Menü ist klar strukturiert und wirkt trotz des "geschichtlichen Hintergrundes" zeitgemäß. Die Kapitel des Films, wie auch die Live Performances lassen sich gezielt aufrufen. Eine "programmierte Zusammenstellung" allein der Musik zu einem einzigen "Livekonzert" ist nicht möglich und wäre der Dramaturgie des Films sicher auch nicht angemessen.

Das Artwork ist farbig und zeitgemäß layoutet. Die 16 Seiten Booklet widmen sich mit Fotos und Beatles-Zitaten dem ersten Aufenthalt in den USA. Die Bilder stammen nicht zwingend auch aus dem Film. In einem Vorwort faßt Mastermind Albert Maysles die Story rund um den Film nochmal knapp zusammen.

Links zur DVD

Offizielle Informationen und das Tracklisting zur DVD gibt es bei Capitol Music Germany. Die Filmemacher Gebrüder Maysles präsentieren auf ihrer Webseite eine kurze Synopsis des Films.

Tagesaktuell und gespickt mit reichlich Meinungsaustausch - liefert Beatlemania sowie der Abbeyrd Beatles News Brief (engl.) auf einer Spezialseite zur "First Visit DVD" weitere Infos und details zur DVD.

Anläßlich des 40 jährigen Jubiläums der Ankunft der Beatles in Amerika wurde eine entsprechende Webseite ins Leben gerufen: "THE FAB 40! Celebrating The 40th Anniversary Of The Beatles Coming To America" mit aktuellen Informationen rund um diesen "Geburtstag".

Ein höher aufgelöstes Coverfoto ist hier [(C) by Capitol Music Germany (437 kb)] zu finden. Als ideale "Begleitliteratur" empfiehlt sich Harry Benson: Die Beatles - Geburt eines Mythos. Ganz Ungeduldige sind gut beraten, noch mal in die Episode 3 der Anthology-DVD-Box 'reinzuschauen. Dort wird ebenfalls über die erste Ankunft in den USA sowie über deren legendären Auftritte in der Ed Sullivan Show oder dem Konzert im Coliseum in Washington, D.C. berichtet.

Beatlemania wirft einen Blick in die neue DVD und kommt zu dem Schluß "Das Angucken macht richtig Spass." Wir können dem nur beipflichten. Das Material ist exzellent aufbereitet und zeichnet interessante Psychogramme der jungen - und von Amerika überwältigten - Beatles auf. Nicht nur Traditionalisten - auch junge Fans werden sich dem Zauber dieses Phänomens schwer widersetzen können.

Fußnote:
1Michael Moore ist ein politisch motivierter und bekannter Dokumentarfilmer. Maysles krtisiert die Arbeiten Moores deshalb, weil er - Maysles - es vorzieht hinter der Kamera zu bleiben, statt sich davor zu produzieren. Siehe auch SONIA SIFUENTES: "Beatles still create craze"

© by German BEAT! DAS Portal rund um Beatles und Beat, 03.02.2004. Der Nachdruck bzw. die Übernahme des Inhaltes in andere Webseiten bedarf der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung des Autors.