Fazit
Wir freuen uns über die Veröffentlichung dieser DVD - soundtechnisch und "musikhistorisch" bringt sie uns das Werk definitiv näher. So leicht und dennoch anspruchsvoll ist einem der Einstieg in die Welt der klassischen Musik selten gemacht worden.

Here I am, 38 years later ...

Rezension zur DVD "Paul McCartney & Carl Davis: Liverpool Oratorio"

Paul McCartney ist 1991 nach über 38 Jahren sozusagen in den Schoß der Kathedrale zurückgekehrt. Schon einmal klopfte er als elfjähriger Bursche an die Domtür, um in dem berühmten Chor mitsingen zu dürfen. "Aber ich fiel durch", gibt Sir Paul in der Einleitung zur DVD unumwoben zu. "Nun bin ich wieder hier, 38 Jahre später und noch immer wurde ich nicht in den Chor aufgenommen. Aber ich bin glücklich, heute im Publikum sitzen zu dürfen."

Das DVD-Format ist wie geschaffen für die 104minütige Gesamtaufnahme und die beiden Features. Das "Liverpool Oratorio" wurde aus Anlaß des 150. Jahrestages der "Royal Liverpool Philharmonic Society" von Paul McCartney und Carl Davis komponiert und am 28. Juni 1991 in der riesigen Liverpool Cathedral welturaufgeführt. Am 7. Oktober 1991 erschien bei EMI Classics die Doppel-CD, die sich als wahrer Bestseller erwies und wochenlang die Klassik-Charts anführte. Nicht nur Macca-Fans zeigten sich begeistert - vor allem auch Liebhaber großer Chromusik. Auf einer zweiten Bonus-DVD finden wir "Ghost Of The Past" - das Making-Of des Oratoriums sowie "Echoes" - die den Besuch des Ex-Beatle in seiner - bis dato stillgelegten - ehemaligen Oberschule zeigt. Übrigens, Paul übernahm seinerzeit dieses Bauwerk, läßt es später renovieren und gründete das Liverpool Institure for Performing Arts - kurz LIPA genannt.

Eine Aufnahme, prädestiniert für mehr als zwei Lautsprecher

Cover (C) EMI Classics Germany 2004
DVD-CoverMit Doppelklick Ansicht vergrößern
© EMI Classics Germany

Der Sound ist einmalig. Das 5.1-Format kommt nahezu voll zur Geltung. Die CD klang bereits überzeugend und hat so manchen kühlen Winterabend eine schlußendlich wohlige Atmosphäre verschafft. Mit Hilfe der DVD wird das Wohnzimmer zur Kathedrale. Obwohl die hinteren Lautsprecher - traditionell - nur für das Ambiente und ein wenig Hall herhalten müssen. Bildtechnisch bedient sich der Konzertmitschnitt des "Liverpool Oratorios" ebenfalls althergebrachter Standards: Eine Regie, die den Blick auf die Partitur gleichermaßen beherrscht, wie das Auge für instrumentale Details. Daß das Outfit der Protagonisten ein wenig aus der Mode gekommen ist, muß man verzeihen - schließlich ist die Aufnahme bereits dreizehn Jahre her.

Rein musikalisch gesehen, haben sich Macca und Davies mit diesem Stück in die Liga zeitgenössischer Klassikkomponisten gespielt. Pauls Ausflüge in die sogenannte "E-Musik" zeigen ernstzunehmende Ansätze. Gut - so begnadete Kulturschaffende wie Bach und Händel bleiben genauso unerreicht, genauso wie die Beatles für aktuelle Britpopper. Dennoch gelingt es dem Beinahechorknaben und seinem musikalischen Mentor eine Dramaturgie zu entwickeln, die an musikalischer Konsistenz und Schlüssigkeit nicht einzubüßen hat. "Liverpool Oratorio" beleuchtet die markantesten Stationen und Personen in McCartneys Leben: Das Aufwachsen in den Kriegsjahren, die Schulzeit, das Heranwachsen, die Unterstützung seiner Eltern und schließlich die Begegnung mit seiner späteren Ehefrau Linda. Das "Liverpool Oratorio" beginnt bereits mit einem Highlight - spannender und musikalisch variabler hätte das Intro die Kriegswirren und die Geburt des kleinen Shanty - so heißt die Figur des Paul in dem Stück - nicht zum Ausdruck bringen können. Die Zeit der Ehe- und Lebenskrisen von eben jener Hauptfigur und seiner Frau Mary Dee (alias Linda) wurde in dem Teil "Crisis" meisterhaft dargestellt. Davies und McCartneys Kompositionen schwächeln nur ganz selten, denn mitunter wird man das Gefühl nicht los, daß Fragmente verschiedentlich immer wieder recycelt werden.

"Das Liverpool Oratorio wurde auch deshalb zu einem grandiosen Erfolg, weil die imposanten Chöre der "Royal Liverpool Philharmonic Society" und der Kathedrale von Liverpool, das Philharmonic Orchestra und die weltberühmten Solisten Kiri Te Kanawa, Jerry Hadley, Sally Burgess und Willard White eine perfekte Welturaufführung ablieferten. Wir befinden uns im Einklang mit dem Stück - so lautet das Fazit von German BEAT!. Klassik-Freunde, die auf exzellente und große Chormusik stehen, kommen voll auf ihre Kosten. Das Oratorium gehört zum Gesamtwerk von Sir Paul und liegt irgendwo zwischen "Helter Skelter" und "Eleanor Rigby". Und McCartney ist hier - wie bei seinen anderen (nicht nur klassischen) Kompositionen auch - eines messerscharf gelungen - nämlich nicht dem "Crossover" zu erliegen und die Stile zu vermischen: Ein Klassiker klingt wie ein Klassiker - ein Popsong bleibt ein Popsong.

Gesamtaufnahme und Dokumenation im Bundle erstmals erhältlich

Dem Live-Mitschnitt der umjubelten Uraufführung, liegt eine umfassende Einführung in das Werk und seiner Entstehung zugrunde. "Ghost Of The Past" - ist ein "Making-Of" über das Oratorium. Die BBC strahlte diese am 8. Oktober 1991 erstmals aus. Das Feature liefert auch die zwei wesentlichen Gründe, warum das "Liverpool Ooratorio" so handwerklich perfekt und schlüssig umgesetzt werden konnte.

Erstens liegt es an der immensen Vorarbeit, ehe McCartney und Davies die Kompositionen "im Sack hatten". Unzählige Stunden ihrer dreijährigen Zusammenarbeit sind filmisch festgehalten worden. McCartney erzählt in Worten aber auch musikalisch seine Lebensgeschichte. Mentor Davies kennt die Kniffe der "großen alten Meister" und weiß Sir Pauls Ideen in die "Sprache der Philharmonie" zu übersetzen. "Ghost Of The Past" zeigt die beiden Protagonisten bei ihrer Probenarbeit mit den Chören, dem Orchster und den berühmten Solisten. McCartney erweist sich zwar als guter Autodidakt in Sachen klassischer Kompositionslehre - obwohl er über nahezu keine Notenkenntnisse verfügt. Mitunter sieht man ihm die Hilflosigkeit förmlich an, wenn es darum geht, die geeigneten Maßnahmen von den Musikern zu fordern.

Das Feature ist spannend und informiert nahezu umfassend. Es war eine gute Entscheidung, "Ghost Of The Past" der DVD beizufügen. Nur ansatzweise kann man das von der zweiten Dokumentation "Echoes" behaupten. In ungefähr 30 Minuten wird ein spärlich belichteter Abriß über Pauls Erlebnisse auf der Liverpool Institute High School. Wir erfahren einiges über die Klassenräume und die Lehrer, aber zu sehen bekommen wir lediglich Paul und ein leeres baufälliges Haus. Einziger Höhepunkt - und dafür lohnt es sich dranzubleiben - ist Pauls Performance des bisher unveröffentlichten Titels "In Liverpool" in der menschenleeren Aula des Liverpool Institutes. Mit diesem Ein-Mann-Gitarrenstück schließt ein Reigen musikalischer Betrachtungen seiner Heimatstadt: "Liverpool Oratorio" - "Liverpool Sound Collage" und nun "In Liverpool".

Das Artwork ist zurückhaltend - das Booklet liefert die Titel, die Credits und wenige wesentliche Informationen. Nun, mehr ist auch gar nicht nötig, weil alles Wichtige erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Feature "Ghost Of The Past". Übrigens, die Sprache ist Englisch. Leider sind auch die Untertitel nur in Englisch verfügbar.

Wir freuen uns dennoch sehr über die Veröffentlichung dieser DVD - soundtechnisch und "werkhistorisch" bringt sie uns das "Liverpool Oratorio" definitiv näher. "In Liverpool" ist eine ruhige, aber starke Ballade und sollte auch den reinen Popfreunden unter den Fans Ansporn genug sein, doch mal in das Oratorium hineinzuhören - es lohnt sich. So leicht und dennoch anspruchsvoll ist einem der Einstieg in die Welt der klassischen Musik selten gemacht worden.

Weitere Informationen

Siehe unseren Vorabbericht zum Erscheinen der DVD ... [hier]

Weitere offizielle Informationen und das Tracklisting siehe auf der Webseite von EMI Classics. Weitere relevante Informationen siehe auch bei Beatlemania.