Paul McCartney: Chaos And Creation In The Backyard
Ein- und Aussichten
Frankfurt/Main (gbip/08.09.2005) - Im Juli stand Paul McCartney dem BBC-Journalisten Gary Crowley in den Air Studios, London Rede und Antwort zum neuen Album "Chaos And Creation In The Backyard". Wir drucken heute das komplette Interview in deutscher Sprache ab (engl. Original, siehe hier).
Wir runden das Ganze mit einer Song-by-Song-Analyse von Paul McCartney ab - alles in allem interessante Ein- und Aussichten auf "... Backyard":

Läden. © EMI Music Germany
Interview
Frage: Wie fühlst du dich, jetzt wo das Album fertig ist und vor der Veröffentlichung steht?
Paul McCartney: Die Veröffentlichung eines Albums gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsphasen, denn es ist, als würde man sein Baby loslassen. Ein Album zu machen ist hart, aber den ganzen kreativen Prozess finde ich großartig. Die Veröffentlichung aber ist viel schwieriger. Man muss Promotion machen und das ist nicht unbedingt der Grund, wofür man das Album überhaupt gemacht hat. Aber ich habe es genossen, das Album zu machen und der Gedanke, es zu veröffentlichen, ist gut, weil die Menschen es dann hören können.
Wenn du dich daran machst, ein neues Album aufzunehmen, gibt es einen bestimmten Prozess, den du durchläufst?
Das Merkwürdige ist, schon mit den Beatles dachte man, "Okay, wir haben ein großartiges Album gemacht, jetzt wissen wir, wie man Alben macht. Das nächste wird leicht." Dann geht man ins Studio, um das nächste Album aufzunehmen, und man fragt sich: "Wie sollen wir das machen?" Ich spiele immer mein letztes Album, nur um mich daran zu erinnern, was wir da gerade gemacht haben. Dieses Mal war die Herausforderung, etwas Gutes zu machen. Ich sagte mir, "Ich werde ein gutes Album machen." Normalerweise sagt man, "Ich hoffe, ich mache ein gutes" oder "Ich würde gern ein gutes Album machen." Aber diesmal habe ich mich wirklich selbst darauf eingeschworen und gesagt "Ich werde ein richtig gutes Album machen" denn ich wusste, dass die Chance besteht, dass ich dann auf Tour gehe und ich wollte mit einem wirklich guten Album, das mir selbst sehr gut gefällt, auf Tour gehen.
Wie würdest du beschreiben, woher deine Musik kommt?
Das will ich eigentlich gar nicht wissen, denn das macht es ja so faszinierend. Nichts zu haben, nur so da zu sitzen, die Gitarre in die Hände zu nehmen und dann nach ein oder zwei Stunden einen Song zu haben, und wenn alles gut läuft, sagt dann auch noch jemand: "Oh, das gefällt mir". Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Ich glaube, der Dreh- und Angelpunkt ist meine Liebe zur Musik. Es kommt davon, dass man leidenschaftlich gerne Musik hört, die einem gefällt, sodass man von einer Art wunderbarem Gefühl durchflutet wird. Jeder liebt Musik, sie ist sehr emotional, und das ist das Besondere daran. Es ist irgendwie mystisch. Warum berühren uns diese kombinierten Vibrationen so sehr? Wie schaffen sie es, uns emotional so zu bewegen? Ich kann "God Only Knows" nicht hören, ohne dass Tränen in mir aufsteigen. Es liegt an den Worten, den Akkordwechseln, aber es ist mystisch. Wenn Leute mich fragen, warum ich immer noch Musik mache, ist die Antwort: Ich liebe es. Ich liebe es einfach. Wie glücklich bin ich, einen Job zu haben, den ich so sehr liebe? Ich habe wirklich Glück.
Wie würdest du dein Album beschreiben?
Das neue Album hat Tiefgang und ist doch sehr einfach. Wir wollten es nicht überproduzieren. Ich habe mit Nigel Godrich, einem sehr guten Produzenten, gearbeitet, und zusammen haben wir das ganze sehr konzentriert gehalten. Es ist ein sehr persönliches Album. Ich bin sehr stolz auf die Songs. Ein Unterschied zu meinen anderen Alben ist, dass ich eine Menge der Instrumente auf dem Album selbst eingespielt habe: Ich spiele Piano, Gitarre, Bass und sogar Flügelhorn!
George Martin half dir, mit einem neuen Produzenten ein neues Kapitel zu öffnen. Kannst du mehr darüber erzählen?
Ich wusste nicht, wen ich als Produzenten für das neue Album heranziehen solle, aber ich wusste, dass es ein Spitzenmann sein sollte, ich wusste bloß nicht, wer das war. Also dachte ich, "George Martin wäre toll", aber er produziert nicht mehr. Ich rief ihn an und erzählte, dass ich ein neues Album plante und frug ihn, wer seiner Meinung nach der beste Produzent wäre. Er rief mich eine knappe Woche später an und sagte, "Nun, der Name, der immer wieder auftaucht, ist Nigel Godrich." Ich kannte Radiohead und fand den Sound ihrer Alben sehr gut. Und Travis, ich wusste, dass Nigel auch "Invisible Band" produziert hatte, also mochte ich seine Arbeit. Wir unterhielten uns um zu sehen, ob wir ähnliche Vorstellungen hatten, und wir verstanden uns gut. Also wurde alles durch George Martin eingefädelt, ja.
Stimmt es, dass die Arbeit an dem Album zwei Jahre beansprucht hat?
Wie haben uns viel Zeit genommen, aber wir waren nicht die ganze Zeit über im Studio. Wir waren für einen Monat drin, dann waren wir zwei Monate unterwegs, trafen uns dann wieder für einen Monat. Die eigentliche Aufnahmezeit beläuft sich auf etwa vier bis fünf Monate, verteilt über zwei Jahre. Wir hatten es nicht eilig. Wir wollten es richtig machen, uns nicht hetzen. Nigel und ich mussten erst mal den Stil des anderen kennenlernen und einen gemeinsamen Stil finden - das haben wir dann ja auch und wir haben die gemeinsame Arbeit beide genossen. Er weiß, was er will, und wenn ich ihm das nicht gegeben habe, hat er "Nein" gesagt. Also war er für mich sehr gut. Ich musste etwas machen, das sowohl mir als auch ihm gefiel. Das ist eine gute Art zu arbeiten.
Meinst du, dass Nigel als Produzent dir geholfen hat, mehr zu machen?
Ich glaube schon. Ich habe Songs gebracht und er hat gesagt: "Das mag ich irgendwie nicht." Und ich dachte mir, in einer anderen Situation wäre ich mit den Songs wohl durchgekommen, aber wenn ich ihn fragte, warum er etwas nicht mochte, sagte er ganz cool "Du hast schon bessere Songs geschrieben." Er hat einfach nicht Ja und Amen gesagt. So ist die Arbeit mit einem guten Produzenten, die sagen dann eben, wenn ihnen ein Song nicht gefällt. Es wurde dann etwas angespannt, weil ich irgendwann genervt war. Ich sagte: "Erklär mir doch, was genau du nicht magst. Sag nicht einfach "Das Stück gefällt mir nicht." Sei etwas spezifischer." Dann sagte er: "Okay. Ich mag den Anfang." Alles klar, abgehakt. "Aber was dann kommt, gefällt mir nicht. Das ist langweilig." "Gut, das wird gestrichen.", sagte ich dann. Wir hatten ein paar ganz spezielle Momente. Der beste beziehungsweise schlimmste war, als wir ein Bassstück bearbeiteten. Wir nahmen die Bassspur auf und ich fühlte mich super. Ich setzte mich hin, hatte den richtigen Sound gefunden, alles rausgeholt, wusste so ungefähr, wo ich auf dem Stück hinwollte, und dann kam Nigel herein und sagte zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, "Weißt du, dieser Song, den wir neulich aufgenommen haben, der ist nichts." Ich sagte: "Ach, naja, okay, lass uns jetzt mal hier den Bass aufnehmen." Aber natürlich war ich dann abgelenkt. Ich fragte: "Was meinst du damit, es ist nichts?" Er sagt: "Ich mag es nicht, das Stück ist Müll." Ich sage "Weißt du, Nigel, der Zeitpunkt, das zu diskutieren, ist nicht gerade ideal." Ich wurde zwar nicht wütend, aber ich hatte mein ganzes Selbstvertrauen verloren. Das war der Wendepunkt auf dem Album. Ich dachte mir, "Na gut." Am nächsten Tag kam ich ins Studio, nagelte die Bassspur durch, etwas wütend war ich doch, und dann fingen wir an, das Stück zusammenzusetzen. Ich sagte "Das war wirklich schlechtes Timing." Ich glaube, auch Nigel hat viel gelernt. Wir haben auf dem neuen Album beide viel gelernt, und dann haben wir das ganze Ding wieder zusammengesetzt. Dann wussten wir, woran wir sind, und ich sagte: "Pass auf, wenn du etwas nicht magst, sag es mir, aber bitte nicht kurz bevor wir neue Aufnahmen machen. Und lass uns über spezifische Details sprechen."
Also waren bessere Songs das Ergebnis deiner Spannungen mit Nigel.
Es gab einen Song, den wir komplett überarbeitet haben. Er heißt "Riding To Vanity Fair". Wir sprachen das Stück durch und Nigel sagte: "Ich mag den Song nicht, mag die Melodie nicht, dies und das nicht." Also ging ich ins Studio und fing an, es umzuschreiben. "Wie gefällt es dir so?" "Ja, viel besser". Also habe ich das ganze Stück fast komplett umgeschrieben. Es war eigentlich schon vom Album gekippt, aber am Ende haben wir es doch draufgenommen. Was er tat war also eindeutig richtig, aber es hat zu einigen Spannungen im Entstehungsprozess geführt. Es ist gut, dass wir das gemacht haben. Der Song gefällt mir in der neuen Version viel besser als die alte Version.
Kannst du etwas zum Titel des Albums, "Chaos And Creation In The Backyard" sagen?
Wenn man mit einem Album fertig ist, beginnt immer die Suche nach dem Titel. "Abbey Road" von den Beatles sollte eigentlich "Everest", heißen aber plötzlich gefiel uns die Idee nicht mehr und wir kamen alle auf "Abbey Road". Wenn man einen Treffer gelandet hat, kann man das richtig spüren. Ich suchte also und blieb dann am Text von "Promise To You Girl" hängen: "looking through the backyard of my life", also dachte ich: "Backyard. Das wäre ein guter Albumtitel, man kann ihn sich leicht merken, aber es klingt etwas langweilig." Dann überlegte ich, es "Looking in the Lyrics" zu nennen. In "Fine Line" gibt es eine Textzeile, die lautet "there"s a long way between chaos and creation" also überlegte ich, das Album "Chaos and Creation" zu nennen, fand das dann aber etwas zu monumental. Dann dachte ich "In the Backyard" und klebte die beiden kleinen Zitate einfach zusammen. Das war ein bisschen frech und dadurch klang es auch nicht mehr so hochgestochen. Es passt, das fand Nigel auch, denn darum geht es auch in diesem Album: es geht um Chaos und Schöpfung, es ist handgemacht, ein bisschen wie in jedem Hinterhof.
Du hast die meisten Instrumente selbst eingespielt - das erste Mal seit dem "McCartney" Album?
Ja. "McCartney" und "McCartney 2" sind zwei Alben, auf denen ich die meisten Instrumente selbst gespielt habe und dies ist das erste Album seitdem, wo es wieder so ist. Nigel wollte, dass ich Schlagzeug spiele, weil er ein Faible fürs Schlagzeug hat. Also fingen wir so an und daraus entstand alles Weitere. Ich kann mich gar nicht recht erinnern, wie viele Instrumente ich gespielt habe, aber das kann man wohl herausfinden.
Wenn man deine alten Aufnahmen mit den neuen vergleicht fällt auf, dass sich deine Stimme geändert hat.
Ja, sie hat sich geändert. Ich höre mir alte Aufnahmen an und merke, dass die Stimme anders ist, aber das Komische ist, wenn ich die alten Songs live spiele, singe ich sie noch in dem alten Ton. Meine Herangehensweise ist sehr einfach. Ich singe einfach drauf los. Und das hat sich über die vielen Jahre auch bewährt.
Könntest du uns den Prozess erklären, wie du Songs schreibst, was dich dazu inspiriert, sie zu schreiben?
Erst mal muss ich in der richtigen Stimmung sein. Zweitens brauche ich Zeit, genug Zeit, um zu komponieren. Manchmal sind es nur ein paar Worte oder eine Idee, vielleicht eine musikalische oder sonstige Eingebung, die alles in Gang bringen. "English Tea" zum Beispiel: Mir ist aufgefallen, dass wenn ich irgendwo hingehe, in England, wird mir eine Tasse Tee angeboten. Überall sonst wird man gefragt, was für Tee man möchte und die Antwort ist dann "English Breakfast Tea", denn das ist meine Lieblingssorte. Das fand ich irgendwie interessant. Das hat alles in Gang gebracht. Dann fange ich an, den Song zu schreiben, und denke an alle möglichen Dinge. Es ist eine Inspiration, vielleicht ein paar Worte oder eine Melodie, davon kriegt man eine Idee und dann geht"s los.
Merkst du, wenn du einen Song schreibst, ob er Hitpotential hat?
Man versucht ja immer, ein Lied zu schreiben, das den Leuten gefallen wird, aber es muss etwas sein, das mir auch gefällt. Wenn ich beides vereinen kann, ist das gut. Ich will einfach nur gute Songs schreiben und wenn es ein Hit wird, umso besser.
Im September, wenn da Album veröffentlicht wird, gehst du auf Tour. Was für eine Show wird das?
Es wird eine neue Show mit ein paar Songs vom neuen Album und ein paar anderen Stücken, die ich noch nie live gespielt habe, plus eventuell ein paar Songs von den Beatles und den Wings.
Es scheint, als würdest du in letzter Zeit verstärkt Beatles-Songs spielen. Woran liegt das? Und wie setzt du die Setlist zusammen?
Nun, als ich mit den Wings anfing, beschloss ich, keine Beatles-Stücke zu spielen, um den Wings ihre eigene Identität zu geben. Aber als wir dann als Wings einen Namen gemacht hatten, überlegte ich mir, dass diese Beatles-Stücke einfach tolle Songs sind. Die Songs, die ich spiele, sind hauptsächlich auch von mir geschrieben. Das ist doch eine gute Sache, und das Publikum freut sich. Im Moment spiele ich mehr Beatles-Songs als je zuvor.
Denkst du jemals darüber nach, in Rente zu gehen? Wie lange willst du noch weitermachen?
Komischerweise denke ich nie über so etwas nach. Ich mag das, was ich tue, einfach so gerne. In Rente gehen würde ich nur, wenn mein Job mir nicht gefiele und ich keine Lust mehr hätte, oder wenn es dem Publikum nicht mehr gefallen würde. Wir haben ein paar Konzerte in Amerika angekündigt, um die Kartenverkäufe zu beobachten, und um zu sehen, ob überhaupt jemand zum Konzert will. Die Karten waren binnen 15 Minuten ausverkauft. Das ist also kein Grund, in Rente zu gehen, im Gegenteil, das ist ein Grund weiterzumachen.
All die Dinge, die dir in deinem Leben widerfahren sind, haben die dein Songwriting irgendwie beeinflusst?
Es ist schwierig zu sagen, was das Komponieren von Songs beeinflusst, denn man weiß ja sowieso nie so recht, was einen antreibt. Heutzutage höre ich mir Songs an, die ich mit 24 geschrieben habe, und finde, dass die sich für das Alter ganz schön reif anhören. "Yesterday" ist ein ganz schön reifer Song. Man weiß nie so recht, was einen beeinflusst. Das ist auch einer der Gründe, warum es mir gefällt und warum ich immer noch Songs schreibe: Weil ich es nicht wirklich begreife.
Was wünschst du dir, was die Zuhörer sich von diesem Album mitnehmen sollen?
Ich denke nie darüber nach, was ein Album den Zuhörern geben könnte, das finde ich einfach zu schwierig. Ich habe ein Album, das mir gefällt, und das will ich machen. Ich wollte ein Album machen, das mir gefallen würde, und wenn es den Leuten gefällt, umso besser. Das habe ich vor vielen Jahren gelernt: Mach, was dir gefällt, und die Menschen können es dann für sich interpretieren. Das finde ich in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass es mir gefällt. Und dieses Album gefällt mir sehr.
Die Songs in den Worten von Paul McCartney
Fine Line

Die Grenze zwischen Mut und halsbrecherischem Handeln ist sehr schmal. Manche Leute legen einfach los und dann denkt man, "so muss man das also machen", aber manchmal ist es auch einfach nur dumm und riskant, trotzdem glauben die Leute, sie seien mutig. Dieser Gedanke stand am Anfang des Songs, daraus entwickelte sich dann die Idee, dass man sich entscheiden muss, welches von den beiden man sein will - mutig oder riskant. Darauf basiert der Text. Dann setzte ich mich ans Klavier und begann mit diesem rhythmischen Thema, das ich ganz simpel ließ, und dann kommt die Hookline. Das brachte ich dann ins Studio und als ich es spielte, machte ich einen Fehler. Ich spielte die falsche Bassnote und Nigel sagte: "Das ist toll. Das ist es." Ich erwiderte, "Um ehrlich zu sein, ist die Note falsch." Aber er sagte: "Nein, nein, hör dir das an." Ich sagte: "Oh, ich verstehe, was du meinst" Es ging einfach nicht so, wie man es erwartete. Es sollte ein Fis sein und wurde aber ein F. Das war gut, das hatte etwas sehr Originelles.
How Kind Of You

Ich achte schon lange darauf, wie die Leute sprechen, aber in letzter Zeit fällt mir verstärkt auf, welche Redewendungen sie benutzen. Ich habe ein paar ältere, traditionalistische Freunde, die anstatt "Thanks a lot" immer "How kind of you" sagen. Also fing ich mit so einem Satz an: "How kind of you to think of me when I was out of sorts", anstelle von "Thanks very much for thinking of me when I wasn"t feeling so good". Ich schätze eine solch elegante Ausdrucksweise sehr. Ich stellte mir vor, ich wäre so jemand, der einen derartigen Dankesbrief schreibt.
Jenny Wren

Ich spiele sehr gerne akustische Gitarre und deswegen habe ich in letzter Zeit Songs wie "Blackbird", "Mother Nature"s Son" und "Calico Skies" gespielt, einfach weil die akustische Gitarre so schön ist. Ich war in Los Angeles und ich war einfach in der Stimmung, mit meiner Gitarre irgendwo draußen im Freien zu spielen. Also fuhr ich in die Canyons, ganz weit weg von all dem Verkehr, setzte mich hin und fing an zu spielen. Ich mag diese Art von Musik eben sehr. Ich hatte sehr viel Spaß, entwarf den Grundriss des Stückes da draußen, an diesem wunderschönen Tag, dann fuhr ich zurück, dahin, wo wir damals wohnten. Ich schrieb den Song dann fertig, während das Abendessen zubereitet wurde. Es ist schon merkwürdig, ich sprach neulich mit jemandem darüber, wie sehr ich Charles Dickens mag. Und derjenige sagte: "Ach, Jenny Wren, unsere gemeinsame Freundin", denn sie ist eine Figur in Dickens' Roman "Our Mutual Friend". Sie ist ein ziemlich cooles junges Mädchen, eine märchenhafte Gestalt, die das Gute in den Dingen sieht und ich glaube, unterbewusst war das der Grund, warum ich den Titel nahm. Aber ich hatte dabei eigentlich nur an "Blackbird" gedacht. Der Zaunkönig (engl.: wren, Anm.) ist einer meiner Lieblingsvögel; ein kleiner englischer Vogel, der kleinste der heimischen Vögel und ich fühle mich immer sehr privilegiert, wenn ich einen Zaunkönig sehe. Das kommt also alles zusammen bei dem Song.
At The Mercy

Habe ich an einem freien Tag in L.A. geschrieben. Manchmal ist es so, wenn man ein Album aufnimmt, dass man ein Gefühl dafür bekommt, in welche Richtung man selbst und der Produzent sich gerade bewegen und was für eine Art neuer Song vielleicht noch zu dem passen könnte, was man schon aufgenommen hat. Ich habe so am Klavier vor mich hin gespielt und ein paar Akkorde ausprobiert, die mir gefielen, etwas dunkler als die, die ich sonst so nehme. Der Satz kam immer wieder in mir auf: "At the Mercy, At The Mercy" - aber in wessen Gnaden? In Gnaden einer stark befahrenen Straße. Ich habe das gar nicht richtig beachtet. Was ich an meinen Songs unter anderem mag, ist dass sie eben sehr spezifische Bedeutungen bekommen, ohne dass das beabsichtigt ist. Ich erzählte Heather von dem Song und sie sagte: "Woha - ich war der Gnade einer stark befahrenen Straße ausgesetzt." Sie hat ja bei einem Unfall ihr Bein verloren. Das ist irgendwie sehr passend. Plötzlich wirft das Leben einem einen Brocken hin - man läuft nur so vor sich hin und plötzlich: "Oh Nein!". Es ist eine ähnliche Szene wie bei "Maxwell"s Silver Hammer". Am nächsten Tag brachte ich den Song zu Nigel und er sagte: "Klasse, klasse." Es wurde sein Lieblingssong.
Friends To Go

Das Eigenwitzige am Songschreiben ist, dass man sich so in andere Menschen hineinversetzen kann. Als ich "Long and Winding Road" schrieb, dachte ich, ich sei Ray Charles. Bei "Friends To Go" fiel mir auf, dass ich mich ganz in George Harrison hineinversetzt hatte. Das behielt ich auch die ganze Zeit im Hinterkopf. "I"ve been waiting on the other side for your friends to leave so I don"t have to hide" - bei dieser Sequenz sehe ich George förmlich vor mir. Ich setzte mich einfach zum Komponieren hin, und dieses Gefühl, George zu sein, überkam mich. Und ich stellte mir vor, wie ich in einer belebten Wohngegend bin. Ich stehe gegenüber und beobachte die Menschen, die dort leben, und warte ich darauf, dass sie gehen, damit ich hinein kann. Ein Psychiater könnte sich bei diesem Song wahrscheinlich richtig austoben.
English Tea

Der Text geht: "Very twee, very me", und ich muss sagen, der Text ist wirklich sehr typisch für mich. Ich bin einfach fasziniert von der Art, wie manche Engländer sprechen. Gerade die etwas Älteren, die "Would you care for a cup of tea" sagen anstatt "Do you want a cup of tea". Ich liebe einfach deren Art, sich auszudrücken. Ich habe also den ganzen Song in diesem typisch britischen Duktus geschrieben. Das ist sehr charmant, sehr britisch. Ich habe es sogar geschafft, das Wort "peradventure" (veraltet für zufällig, vielleicht, Anm.) einzubauen, darauf war ich sehr stolz. Ich habe das aus einem Dickens-Roman. Man findet viele dieser veralteten Ausdrucksweisen in Dickens‘ Büchern. Ich habe sicherheitshalber noch mal im Lexikon nachgeschaut, ob es wirklich das heißt, was ich glaubte. Ich sagte mir, so ein Wort bauen bestimmt nicht viele Leute in ihre Songs ein.
Too Much Rain

Inspiriert wurde ich von Charlie Chaplins Song "Smile". Viele wissen gar nicht, dass er das geschrieben hat, man kennt ihn nur als Komiker und ich war selbst erstaunt, als ich erfuhr, dass er dieses wunderschöne Lied geschrieben hat. Dieses Lied soll helfen, die Stimmung aufzuhellen, wenn es einem richtig schlecht geht. Es soll einen daran erinnern, dass man sich einfach herausboxen muss und die gute Laune nicht verlieren darf, denn alles kommt wieder ins Lot.
A Certain Softness

Für mich ist das ein ganz geradliniges Liebeslied. Ich mag brasilianische Musik. Ich finde sie sexy, sehr romantisch. Ich schrieb das Lied im Urlaub - das mache ich oft, denn da habe ich viel Zeit. So bin ich: Ich mache Urlaub, um zu arbeiten! Ich war auf einer Bootsfahrt in Griechenland, und plötzlich kam so eine Art römisches Gefühl über mich. Ich fand ein paar schöne Akkorde und dachte an eine gewisse Weichheit in ihrem Blick und an eine gewisse Traurigkeit, und das verfolgte mich. Es ist wie eine Art Synthese aller Liebeslieder, die ich je gehört habe. All das fließt zusammen und wird dann ein neuer Song. Ich mochte die Aufnahmearbeiten, die wir sehr einfach hielten. Ich spielte nur meine Gitarre, der Bongospieler saß auf dem Boden, und ein anderer Gitarrist saß noch herum. Das klingt auf dem Album dann eben sehr intim.
Riding To Vanity Fair

Eigentlich sollte das ein schnelles Stück werden. Das war der Song, den Nigel zunächst überhaupt nicht mochte. Das Stück war voll kurzer Sätze und er ermutigte mich, etwas anderes zu versuchen. Ich behielt die ursprüngliche Bedeutung bei: Man sucht Freundschaft, aber die anderen wollen einfach nichts davon wissen und weisen einen ab. Es geht hier nicht um eine bestimmte Person, sondern allgemein um Menschen, die sich so benehmen. Es ist schön, ein wenig trübsinnig und sehr launisch. Wir haben es im Studio überarbeitet und immer wieder daran gefeilt, bis wir alle Worte und die Melodie mochten, denn fast hätten wir es gestrichen. Aber als es fertig war, wussten wir, dass es auf das Album gehört. Die ganze Arbeit hatte sich gelohnt.
Follow Me

Das ist einer dieser Songs, die sich wie von selbst schreiben. Manchmal hat man einfach ein gutes Gefühl, wenn man über das eigene Leben nachdenkt, man freut sich, dass man zumeist viel Glück gehabt hat. Man fühlt sich gut. Ich hatte einen Auftritt, wo ich "Let it be" gesungen hatte und dachte bei mir, wie schön es ist, so ein Lied zu haben, es ist fast schon spirituell und absolut ermutigend. Worum es hier geht? Um jemanden im Leben, der einem sehr wichtig ist, oder um gute Geister, irgendwas wirklich Tolles "You lift up my spirits, you shine on my song, whenever I"m empty, you make me feel whole, I can rely on you to guide me through any situation, hold up the sign that reads, follow me". Das war einer dieser Songs aus reiner Inspiration.
Promise To You Girl

Das begann als Klavierstück. Die rechte Hand spielt ein bisschen die Melodie und dann bekommt der Bass die definitive Rolle, anstatt nur im Hintergrund zu wummern. Das war eine Rechenaufgabe für mich, ich überlegte, wie ich das hinkriege, und fing einfach an zu singen. "Gave my promise to you, girl. I don"t wanna take it back." Es entwickelte sich zu einer Art Motown-Nummer, ich konnte die Tamburine hören, das Chaka-Chaka, Motown-Typen wie die Funk Brothers im Hintergrund. So entwickelte sich also der Song und bekam den Motown-Touch. Eigentlich sind es zwei kleine miteinander verknüpfte Lieder. Als wir ins Studio kamen, war es mehrspurig, denn ich hatte selbst alles eingespielt. Ich glaube, ich habe mit dem Klavier angefangen, danach kam der Bass, dann etwas Schlagzeug und dann überredete Nigel mich, ein paar Gitarrenlicks dazu zu spielen, das war ziemlich kompliziert. Es sind also viele kleine Einzelteile, aber am Ende hört es sich doch an, wie von einer Band eingespielt.
This Never Happened Before

Ein klassisches Liebeslied. Ich finde, das ist in dieser Welt unheimlich wichtig - natürlich wird viel über die Liebe gesprochen und gesungen, aber was ist daran so schlimm? Es ist immer eine große Hilfe, wenn man ein paar schöne Akkorde hat und die ersten Akkorde der Strophe stehen, dann kann man sich mit der Melodie sicher sein und hat ein Ziel vor Augen. Dies war eines der ersten Stücke, die ich mit Nigel gemacht habe. Ich war in den Staaten und wurde gerade massiert, während das Lied lief. Die Masseurin schwärmte: "Oh, was für ein wunderbares Lied, toll!" Sie erzählte mir nebenbei, dass sie bald heiraten würde, also schickte ich ihr ein paar Wochen später zur Hochzeit einen Brief mit dem Song und schrieb, wenn ihr das Stück so gefiele, könne sie es auf ihrer Hochzeit spielen. Ich bat sie jedoch, es bloß zu spielen und mir dann wieder zurückzuschicken, damit keine Raubkopien in Umlauf kommen. Ich versprach aber, ihr nach der Veröffentlichung eine offizielle Version zu senden. Sie heirateten und tanzten ihren Hochzeitstanz zu dem Stück. Sehr romantisch, aber irgendwie schön. Sie schrieb mir einen Dankesbrief und berichtete von der Hochzeit, von ihrem Mann. Sie schrieb: "Wir hatten einen wunderbaren Tag, wir haben gelacht und geweint." Das, finde ich, ist die Essenz dieses Songs.
Anyway

Das ging ziemlich schnell und ich hatte so ein Gefühl - warum fühle ich so etwas immer? Ich weiß nicht, auf alle Fälle kam ich mir vor, als wäre ich in den Südstaaten, Charlestown, Savannah zum Beispiel, irgendwie versetzten die Akkorde mich dahin. Dann kamen die anderen Akkorde, die ungefähr auf der Hälfte der Strophe beginnen und mich inspirierten. Als das Stück geschrieben war, fuhr ich nach L.A. und traf mich mit dem Arrangeur für die Saiteninstrumente. Das rundete das Ganze ab.
Hidden Track
(Anmerkung der Redaktion: Der Titel heißt "I've Only Got Two Hands")

Wir waren fast fertig und überlegten, wie es wäre, das Album mit etwas Improvisiertem zu beginnen, einem Geräusch, irgendetwas, was Aufmerksamkeit erregt, bevor das erste Stück anfängt. Ich mag es, wenn man mit den Regeln bricht. Nigel sagte: "Geh einfach und mach zwei Dinge gleichzeitig. Während du das eine machst, spielst du noch etwas anderes dazu", also dachte ich, dem zeig ich"s, ich spiele drei Sachen. Das Piano wurde aufgebaut und ich fing an. Das nahmen wir zuerst auf. Es war, als ob die Erwachsenen das Studio verlassen hätten, und wir Kinder uns jetzt austoben dürften. Dann ging ich an die Drums und hämmerte auf ihnen herum. Das haben wir in einer knappen Stunde aufgenommen, aber es kam mir wie zehn Minuten vor. Letztendlich wählten wir nicht eines davon für den Anfang aus, sondern steckten alle drei zusammen und setzten das Ergebnis ans Ende.

September 2005 | Quelle: EMI Music Germany
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